Farbrausch: Genuss für alle Sinne.

farbe1Genuss ist Kunst und Kunst ist Genuss. Ein gutes Gericht ist ein wahres Gedicht – in unserem Fall sind die Gerichte sogar Poesie.  Ich als Ästhet (das Auge isst eben bekanntlich mit) bin sofort auf den Titel „Kochen nach Farben. 12 Farben – 12 Menüs“  von Tatjana Reimann, Caro Mantke und Tim Schober, erschienen im Prestel Verlag, angesprungen. Ein erster Blick ins Buch erfüllt all meine Vorstellungen: Perfektion, Anmut, Klarheit.  Das Auge ist vollends befriedigt und schwelgt im harmonischen Farbrausch. Auf der einen Seite sieht man die sechs Bestandteile jedes Gerichts im fertigen Zustand, auf der gegenüberliegenden Seite erfährt man, worum es sich handelt. Schön, übersichtlich, ansprechend. Neben den Rezepten befinden sich im Anschluss daran auch jeweils Bilder der Zutaten im ursprünglichen Zustand, welche beweisen, dass hier nicht getrickst wurde und die Farben nicht von ungefähr kommen. farbe2Dass die drei Autoren in der Kochbuchszene bislang keinen großen Namen haben, liegt schlichtweg daran, dass es sich um Hobbyköche handelt, die ihr Geld eigentlich als Designer verdienen.  Meine bessere Hälfte hatte das schon nach den ersten Fotos vermutet („Das waren doch irgendwelche Informatiker oder Architekten oder so – das sieht extrem nach so einem Programm aus, mit dem ich manchmal arbeite. So ordentlich und strukturiert im Aufbau.“) Programm hin oder her, die Bilder sind toll, der Aufbau ist innovativ und ich bin beeindruckt. Hier zeigt sich eine Liebe fürs Detail und die Zutaten, welche in so einer Form noch nicht gesehen habe.  Die zwölf Menüs ganz in Weiß, Schwarz, Beige, Hellgrün, Gelb, Hellrot, Dunkelgrün, Rot, Violett, Orange, Dunkelrot und Braun bestehen nur aus natürlichen Zutaten und wurden ohne künstliche Farbstoffe hergestellt – etwas anderes hätte mich jetzt aber auch schockiert.  84 bunte Gerichte von „Grünen Brownies“ über „Blaubeertörtchen“ bis hin zu „Gelber Linsensuppe“ enthält das Buch. Jedes Menü besteht dabei aus Aperitif, Entrée, Vorspeise, Getränk, Dessert, Hauptgericht und Digestif. Kein Wunder also, dass die Autoren im Vorwort bereits dazu raten, das Menü im Team zuzubereiten. Könnte etwas dauern und für nur zwei Esser reichen eigentlich ja auch drei Gänge.

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Inspiriert wurden die drei übrigens von Paul Auster, der das Besondere im Banalen des Alltags erkannte, und der französischen Konzeptkünstlerin Sophie Calles, welche die Banalität des Alltags durch selbst auferlegte Zwänge zu durchbrechen versuchte. Dadurch, dass der Koch gezwungen wird, sich intensiv mit den Produkten auseinanderzusetzen und ihm nicht die Vielfalt der Produkte zur Verfügung steht, die er gewohnt ist, „erweitert er durch die Beschränkung seinen Horizont und verleiht dem Alltäglichen neues Leben.“ Eigentlich ein schöner Gedanke in unseren heutigen Zeiten, in denen das Essen oftmals lieblos, unbeachtet und nebenbei „runtergeschlungen“ wird.  Zudem, so hoffen die Autoren, wird man kreativer und probiert vielleicht auch mal bislang unbekanntes Gemüse oder fremde Gewürze aus, wenn man eine gewisse Beschränkung erfährt. Dem Aufbau nach orientiert sich das Buch am Jahr (12 Menüs – 12 Monate), wobei stets  stets das aktuelle saisonale Angebot berücksichtig wird.
Ein wenig zweifle ich daran, dass tatsächlich alle Gerichte perfekt harmonieren, denn die Vorstellung, in einem Menü „Lakritzlikör“, „Cola“ und „Espresso“ zu kombinieren, lässt meine Nackenhaare stehen. Vielleicht gehört also ganz am Anfang auch eine Portion Mut dazu, sich auf das Experiment „Kochen nach Farben“ einzulassen. Und falls alle Stricke reißen: Ein Augenschmaus wird es in jedem Fall.

 Anfängertauglichkeit: ☆
Alltagstauglichkeit: ☆
Geschenkqualität: ☆☆☆☆
Originalität: ☆☆☆☆

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