Lasset die Spiele beginnen – aber erstmal Frühstück

weltAn der Frage, ob man frühstücken sollte und wenn ja, was, scheiden sich die Geister. Da gibt es die Verfechter, die morgens schon auf eine geballte Ladung Vitamine, Ballaststoffe und Sattmacher setzen, auf der anderen Seite die Asketen, die mit einer Tasse Kaffee rundum zufrieden sind und jegliches Frühstück als Belastung sehen. Ich selbst begnüge mich mit Milchkaffee und Joghurt und kann es nicht nachvollziehen, wenn man sich zum Brunchen trifft, um zwischen 10 und 14 Uhr nichts andres zu machen als sich vollzustopfen und unter Garantie viel mehr zu essen als unter normalen Umstände. „So frühstückt die Welt. Rezepte und Geschichten.“ von Melanie Jonas, Margitta Schulze Lohoff, Holger Talinski und Diana Müller (Delius Klasing Verlag) hat sich genau mit diesem Phänomen auseinandergesetzt und festgestellt, dass man in Deutschland mittlerweile so multikuturell ist, dass man gar nicht mehr ins Ausland reisen muss, um die für uns exotischen Essgewohnheiten andere Nationen kennenzulernen.

welt2Wer – wie ich – eine schlichte Sammlung an internationalen Frühstücksgewohnheiten und ein paar Ideen für den eigenen Start in den Tag erwartet, wird sicherlich überrascht sein, dass dieses Buch irgendwie so ganz anders ist. Klar, im Mittelpunkt steht die erste Mahlzeit des Tages, aber nicht unbedingt in Form des Rezeptes dafür, sondern vielmehr als buntes Sammelsurium an Geschichten. Menschen unterschiedlicher Herkunft, unterschiedlichen Alters und mit unterschiedlichen Erlebnissen stellen uns ihr Lieblingsfrühstück vor und erzählen über sich, das Essen und vieles mehr. Wir hätten da zum Beispiel „Fräuleinchen“, die Betreiberinnen eines Onlinefood-Magazins, die uns zu „Granola-Müsli-Muffins“ und „Avocadosalat mit Lachs“ einladen, wir schnuppern bei Frau Brandes, die eigentlich Rechtsanwältin ist, nebenbei aber noch kocht, Liköre herstellt und vermarktet, eine Food-Agentur betreibt, Kochbücher schreibt und einen Blog füllt (wieviele Stunden deren Tag so hat, frage ich mich da ja schon), herein und lernen „Eier im Glas“ und „Dunkle Frühstücksfladen“ kennen. Daneben erfahren wir in einem ausführlichen Kapitel so quasi alls zum Thema „Eier“ – wo kommen sie her, was gibt es für Unterschiede und wie kocht man sie idealerweise richtig ab. Spätestens an dieser Stelle merkt man, dass die Rezepte tatsächlich zweitrangig sind und es vielmehr um die Geschichten geht, die dahinterstecken. Während ich bei klassischen Koch- und Backbüchern die Zutaten lese und mich bequem druch die Rezepte blättere, bin ich hier wirklich gefordert, denn es gibt viel zu lesen. Das, was ich da lese, ist aber durchweg unterhaltsam und überraschend. Koch Thomas Elstermeyer zeigt uns, dass „Joghurt mit Früchten“ und „Bauernfrühstück“ gepaart mit Molekularküche möglich ist … ist dann halt in diesem Falle nichts mit „husch-husch-schnell-schnell-reinhauen- und-loseilen“. Molekularküche braucht Zeit, Geduld und Fingerspitzengefühl. Dafür gibt es dann am Ende „Aprikosen-Karotten-Sphären“ und Gewürzgurkengranité und getrocknete Milchhaut-Chips… Die Vorstellung, Milch immer bis zu dem Punkt aufzukochen, an dem sie Haut bildet, um diese dann abzuheben und im Ofen zu trocknen – schon mehr als ein bisschen abgedreht, oder? Unterteilt ist das Buch übrigens in die Rubriken „Deutschland“, zu denen die oben vorgestellten Vertreter gehören, „Europe“ und „Welt“. Kleine Einführungen in die Welt des Brotes, ein Interview zur Bedeutung des Frühstücks oder auch der Selbstversuch „Frühstück bis 18 Uhr“ lockern das Buch zusätzlich auf. Im Kapitel „Europa“begrüßt uns die Dänin Carolin Lund und serviert „Graved Lachs mit Senf-Dill-Soße“, „Frische Brombeermarmelade“, „Dänischer Apfelsaft“ und „Granola mit Joghurt“. Genussredakteurin Denise Wachter zeigt uns typisch litauische „Gefüllte Eier mit Schinken“, Litauische Pfannekuchen“ und „Litauischen Käsesalat“ während Florian Mohr und Tim Pink von der „Kantine Neun“ uns davon zu überzeugen versuchen, dass ein „Full English Breakfast“ gar nicht so gewöhnungsbedürftig ist…
Ja, dieses Buch macht einfach Spaß, weil es so anders ist. Weil es informativ ist, lustig, unterhaltsam und einfach neu. Dieses Kochbuch kann mir im wahrsten Sinne wirklich lesen. Die Rezepte sind ansprechend und auch die Fotos, die nie gekünstelt wirken, sondern immer so als habe man sie ganz spontan vor Ort gemacht, überzeugen. Was jedoch den Flair des Ganzen ausmacht, sind die Menschen, die wir kennenlernen. Die uns zu sich einladen, sich und ihre Gerichte präsentieren und damit einen Teil von sich preisgeben, indem sie uns zu diesem gemeinsamen Frühstück einladen. Eine gelungene Mischung.
Wem die bisherigen Rezepte noch viel zu gewöhnlich fürs Frühstück waren, der findet sicherlich im Kapitel „Welt“ doch nich die ein oder andere ungewohnte Speise für den Frühstückstisch. Die Koreanerin Lauren Lee, die eigentlich Opersängerin ist, aber zufällig als „Fräulein Kimchi“ Kochkarriere machte, serviert die Neujahrssuppe „Tteokguk“ mit Rindfleisch, Reiskuchen, Seetang und Kimchi. Josh-Joblin-Mills, der ein eigenes Cafe mit Pies betreibt, stellt uns dieses Nationalgericht der Neuseeländer mit „Bacon& Egg“- Füllung vor und Dorothy Makaza aus Simbabwe kocht uns zum Frühstück „Simbabwischen Ochsenleber-Schmortopf“. Im anhang gibt es dann noch ein Glossar zu ein paar der im Buch auftauchenden Frühstückszutaten und Tipps, welche Lektüre (im Print und online) zum Thema Frühstück sich sonst noch lohnen. Für mich ein absolut rundum gelungenes Werk, das gleichsam unterhält und informiert ohn jemals trocken zu sein. Für alle, die gerne Frühstücken, das perfekte Geschenk!

Anfängertauglichkeit: ☆☆☆☆☆
Alltagstauglichkeit: ☆☆☆☆☆
Geschenkqualität: ☆☆☆☆☆
Originalität: ☆☆☆☆☆

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