Mein kleiner Schwedentrip

schwedenSchwedischer Inselsommer. Unsere Lieblingsrezepte“ heißt das Gemeinschaftswerk von Hannah Widell und Amanda Schulman aus dem Verlag Bassermann Inspiration. Ich erinnere mich beim Thema Scheden an eine meiner Jugendfreizeiten. Da gab es die Saune mit angrenzendem Teich, auf dem wir auch Kanufahren lernten, die Plumpsklos hinterm Haus, die zum Schlafraum umgebaute Scheune, den etwas irren Hausbesitzer, der uns morgens schon mal mit der Motorsäge im Schlafraum geweckt hat. Die einwöchige Kanutour, bei der wir unser gesamtes Essen und alles Equiptment in Fässern mitschiffen mussten, wildcampen auf einer Wiese, die – wie wir morgens erkannten- eine Kuhweide war (ein Kuhkopf im Zelt weckte uns), den gellenden Freudeschrei als wir endlich einmal nach Tagen einen Supermarkt fanden und die anstrengenden letzten Tage, an denen wir so gnadenlos durchnässt waren, weil es nächtens geregnet hatte und wir leider die falsche und zu kleine Plane überm Zelt hatten und daher schwammen. Ich erinnere mich aber auch an das Essen dort…schweden2Da wir als Jugendgruppe autonom reisten, waren wir versorgungstechnisch natürlich auf uns gestellt, aber die wenigen Zusammentreffen mit den Schweden, wenn wir „zufällig“ einen Bauernhof oder Ähnliches fanden und dort frische Milch, frisches Brot und selbst hergestellte Butter bekamen – das ist mindestens so im Gedächtnis geblieben wie der Rest. Ich bin also extrem gespannt auf dieses Buch. Die beiden Autorinnen haben selbst ein Sommerhaus auf Gotland, in das sie regelmäßig fahren und versuchen mit ihren Rezepten das Gefühl einzufangen, das Ihnen dieser Urlaub jedes Jahr vermittelt: Vertrautheit, Sommer, Unbeschwertheit und Genuss. Gekocht wird einfach und unkompliziert Aufgeteilt ist das Buch in 17 Kapitel, deren genaue Titelauflistung ich mir jetzt mal spare, zumal ich es etwas schwer finde, den roten Faden zu erkennen. Es scheint so als hätten beide Frauen schlichtweg chronlogisch zu Ihrem Urlaub die einzelnen Aktivitäten und das damit verbundene Essen in Kapitel gepackt. Zu Beginn jedes Abschnitts gibt es daher auch ein kleines Intro der Verfasserinnen zu den folgenden Rezepten und verschiedenen Urlaubsstationen. Los geht es mit ziemlich viel Fisch wie „Matjesaufstrich“, „Mama Stinas Rogenauce“ oder auch „Eingelegter Hering à la Schulman“  – fällt unter den Bereich „Mittsommerfest“. Fisch und Schweden macht ja schon Sinn. Einen „Mittsommerschnaps“ wahlweise mit Erdbeeren und Rhabarber, Zitronen und Dill, Chili udn Ingwer, Waldbeeren oder Zitronenmelosse udn Limette gibt es ebenso wie einen Käsekuchen mit Erdbeeren und weißer Schokolade. Die authentischen Fotos zeigen die Autorinnen, deren Männer und Kinder und natürlich die Gerichte. Allerdings bin ich da nicht so ganz überzeugt, da ich die Bilder zuweilen etwas grobschlächtig finde – beispielsweise beim Erdbeer-Käsekuchen, der einfach aussieht wie ein fetter Sahnehaufen mit Erdbeeren drumrum und zur Deko haut man in die Kuchenmitte eine dunkelrote Blume… äh. Ja, kann man. Klar, aber es wirkt eindeutig improvisiert. Ja, Blumen UND Kuchen harmonieren, aber nicht BLUMEN IM KUCHEN! Und liebe Autorinnen, wenn in einem Rezept davon die Rede ist, dass ich 15! rosa Pfefferkörner und 140 g Waldbeeren in einen Schnaps werfe, dann finde ich es doof, auf dem dazugehörigen Foto einen nahezu klaren Schnaps (Waldbeeren geben ihre Farbe teilweise ab) mit rund 100 rosa Berren drin abzulichten. Das ist so als würde ich ein Rezept für Himbeerkuchen abdrucken und dann Erdbeerkuchen darstellen, weil es besser aussieht. Aber immerhin passen die Pfefferkörner farblich perfekt zu den Fingernägeln der Autorin. Jaja, ich bin ein weneig gehässig, ich gebe es zu.
SChweden3Nach einem kurzen Abstecher in die Frühstückswelt („Buttermilch-Brot“ und „Hausgemachtes Gotland-Müsli“) geht es an den Strand. Wir bekommen ein paar Tipps zum Strandbesuch und den schönsten Stränden Nord-Gotlands plus die Rezepte für „Rohkost mit Dip“, „Gazpacho“ und „Mamas Grillhähnchensalat“. Ich würde ja an dieser Stelle gerne endlich mal etwas Positives zu den Bildern sagen, aber wenn die Gazpacho in Plastikflaschen (jaja, Glas ist am Strand blöd, das verstehe ich) abgefüllt ist, die eindeutig nach Spiritus und Grillanzünder-Flaschen aussehen (einschließlich des Etiketts), dann finde ich das nicht lecker. Und auch das Foto zu „Belegte Brötchen mit Wurst und Spiegelei“ sieht aus als hätten sich die schlechtesten Mitarbeiter von Burger King und Kochlöffel ziemlich übel gebattelt. Nene, da war jedes Pausenbrot von Papa dagegen ein kulinarischer Höhepunkt (und der hat es mal geschafft unter die Teewurst Butter zu schmieren…). Danach gibt es „Nach der Sauna“ und die beiden Männer der Autorinnen präsentieren sich uns barfuß im Jeanshemd mit Handtuch um die Hüfte im Gartenstuhl. Klingt nicht nur skurril, sieht auch so aus. Also wenn ich die Zeit hatte, mir ein Jeanshemd anzuziehen und zuzuknöpfen, dann hätte ich doch auch ne Buxe anziehen können, zumal ich doch zuerst die anziehen würde und dann ein Oberteil… Fragen über Fragen.
Manche Dinge werden wohl offen bleiben – ebenso die Ansammlung der Rezepte und deren Auswahl. Wärend ich „Guacemole“ und „Tomatensalsa“ jetzt so spontan nicht nach Schweden verorten würde, passen „Kardamomkuchen“ und „Oma Gunnys Karamellkekse“ recht gut ins Konzept. Ähnlich durschmischt geht es mit Plätzchen, Kuchen, Tapas, Marinaden und Saucen weiter. Ich weiß ja nicht, ob ich einfach eine falsche Vorstellung (Schweden = Ikea-Food) habe, aber „Parmesankartoffeln“, „Minireibekuchen“ und „MIni-Bruschetta“ sind für mich jetzt einfach nicht typisch schwedisch im Gegensatz zu „Blaubeer- und Kardamom-Schnecken“ oder „Speckpfannekuchen mit Preiselbeersauce“. Klar, wahrscheinlich ist Schweden mittlerweile einfach ebenso multikulti wie Deutschland und wer einmal jährlich als Tourist dort aufschlägt, von dem kann ich wohl kaum erwarten, dass er strikt plötzlich auf Landesküche schalten. Ich sollte also ein wenig milder urteilen: wir haben zahlreiche Vorschläge, die eindeutig nach Schweden passen, dazwischen eben einige internationale Anregungen, die aber nicht minder lecker sind. Wer ein reines Schwedenkochbuch sucht, sollte vor Ort schauen bzw eines von einem schwedischen Autor nehmen, alle anderen finden hier gute Anregungen. Sehr gelungen finde ich auch das letzte Kapitel „Sachen packen“, in dem wir mit „Restequiche“, „Restepfanne mit Grillfleisch“ und Restedessert“ einen kleinen Tipp erhalten, was wir am letzten Urlaubstag mit dem Kühlschrankinhalt machen können, um nichts wegwerfen zu müssen. Einzig bei den Bildern bin ich nicht kompromissbereit. Die Abbildungen der Gerichte sind ungekünstelt, echt und schön, aber etwas weniger Familienbilder dazwischen täten es auch. Zumal ich – Idylle hin oder her – nie auf de Idee käme, meine Kinder (halb)nackt abzulichten und abzudrucken. In unserer heutigen Zeit empfinde ich das als extrem kritisch und kann das nur für private Fotoalben nachvollziehen. Trotzdem ein durchaus angenehmes Buch mit guten Rezepten an das ich wohl einfach die falschen Erwartungen gerichtet hatte.

Anfängertauglichkeit: ☆☆☆☆☆
Alltagstauglichkeit: ☆☆☆☆
Geschenkqualität: ☆☆☆
Originalität: ☆☆

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