400 geballte Seiten Österreich – schwere Kost fast ohne Bilder

oesterreichWer schon immer auf der Suche nach einem mehr als umfassenden Werk zu Österreichs Küche war, der wird  mit „Die Österreichische Küche“ von Adi Bittermann, Ingrid Pernkopf und Renate Wagner-Wittula aus dem Pichler Verlag ausgesorgt haben. Was hier nicht drin ist, gehört nicht nach Österreich. Soll heißen: Da findest du wirklich so nahezu alles, was man irgendwie mit der Küche der Ösis so verbindet. Allerdings sind die 400 Seiten keine leichte Kost (weder im eigentlichen, noch im übertragenen Sinne). Das Buch ist ein richtiger Wälzer, den man nicht mal eben in so einen kleinen, zarten Kochbuchhalter stecken kann… aber ist ja auch keine schwerelose Küche, was uns da erwartet. Laut Angaben des Verlags widmen sich „Knödel- und Mehlspeisspezialistin Ingrid Pernkopf, Grillmeister und Spitzenkoch Adi Bittermann sowie Autorin Renate Wagner-Wittula (…) in ihrem ersten gemeinsamen Projekt dem, worum uns die ganze Welt beneidet – der österreichischen Küche vom Feinsten, mit allen regionalen Facetten.“ Aufgeteilt in die Rubriken „Kalte Vorspeisen“, „Suppen & Suppeneinlagen“, „Beilagen“, „Zwischengerichte“, „Hauptspeisen Fisch“, „Hauptspeisen Fleisch“ und „Süße Küche“ erfolgt dann nochmals innerhalb dieser Kapitel einzelne Untergruppen. Bei den „Kalten Vorspeisen“ sind das „Aufstriche“, „Sulzen & Terrinen“, „Kalte Gemüsehappen & Vorspeisensalate“, „Beilagensalate“, „Kalte Saucen“, „Würzpasten & Würzmischungen“ sowie „Pikantes Gebäck & Brot“. Hier finden wir unter anderem „Liptauer“, „Heringskäse“, „Erdäpfelkäs“, „Jiddischer Hühnerleberaufstrich“, „Saiblings-Avocado-Tartar“, „Gemüsesulz“, „Tafelspitzsulz mit Kernölmarinade“, „Matjesterrine“, „Gurkenkaltschale“, „Mit Schafkäse gefüllte Pfefferoni“, „Ananas-Zwiebelsalat mit Orangen“, „Knödelsalat“, „Rindfleischsalat mit Essig und Öl“ und viel, viel, viel, viel – viel zu viel mehr. Irgendwie erschließt sich mir bei mehr als der Hälfte nicht, was die Gerichte mit Österreich zu tun haben, denn „Beef Tartar“, „Heringsalat“, „Marinierter Schafskäse“, „Gebeizte Lachsforelle“, „Selleriesalat“ oder auch „Mayonnaise“, „Bärlauchpesto“ und „Rotes-Zwiebel-Chutney“ sind für mich irgendwie keine klassischen Gerichte der Österreichischen Küche. Hier wurde einfach alles, was man in Österreich so als Vorspeise kennt, zusammengeworfen. Leider zu Lasten der Fotos, die hier oftmals gänzlich fehlen.
Stattdessen hat man auf die mit Text überladenen Seiten noch ein paar Kräuter- und Zutatenbilder geklatscht und – was ich bislang noch nie nie nie gesehen habe und hoffentlich auch nie nie nie wieder in dieser Form sehen werde!!! – WERBUNG! Ich weiß ja nicht, wie viel der „Mautner Markhof“ dafür bezahlt hat, dass auf zahlreichen Seiten an der Seite Abbildungen der Essige und Essenzen des Herstellers gezeigt werden, aber ich bin schockiert. Die paar Bilder, die es dann doch gibt, und die nicht nur einzelne Zutaten zeigen (oder Werbung) sind dann auch noch so unspektakulär, dass man auch gant darauf hätte verzichten können. Ganz ehrlich. Und die Tatsache, dass der Fotograf die Idee hatte „Komm, lass uns auf jedem Teller noch ein Blümchen drapieren“, macht es nicht besser.
Bei den Suppen und zugehörigen EInlagen haben wir Leber- und Mark- und diverse andere Knödel, „Lungenstrudel“ (der Name ist Programm), „Milzschnitte“ (ebenso das, wonach es klingt), „Brennsuppe mit Kümmelkrapferln“, „Käsecremesuppe“, „Steirische Panadelsuppe“ (Brotsuppe), „Mostsuppe mit Zimtcroûtons“, „Rollgerstlsuppe“ und halt auch wieder viele Suppen, die es wohl in so ziemlich jeder europäischen Kultur gibt. Aber dafür gibt es auch entsprechende Klassiker, die ich tatsächlich bei uns in Deutschland nicht kenne, weswegen ich das Kapitel ganz okay finde. Das Problem mit den fehlenden Bildern setzt sich aber fort. Bei den Beilagen haben wir dann „Gemüsebeilagen“, „Sättigungsbeilagen“ und „Warme Saucen“ und finden mit „Kürbisragout“, „Letscho“ und „Gemüseflan“, „Steirischer Erdäpfelschmarren“ und diversen Knödeln ein paar passende Vorschläge, doch wenn ich mir die Reis- und Nudelrezepte, Sauerkraut, Bratkartoffeln und Béchamelsauce so ansehe, bin ich wieder enttäuscht. Bei den Zwischengerichten Ei, Gemüse und Hausmannskost gibt es endlich mal richtig viele Bilder, aber leider wenige dabei, die überzeugend und wirklich so aussehen, dass ich mir das Gericht bestellen würde. Und mir ernsthaft Rezpete für „Weiches Ei“, „Rührei“ und „Spiegelei“ anzubieten, finde ich schon frech. Auch hier handelt es sich um einen MIx aus zutreffenden Anregungen und Rezepten, die man in diesem Buch einfach nicht brauchen würde. Da Gleiches auch für die Fisch- und Fleischrezepte gilt, springe ich mal zur süßen Küche, von der ich mir tatsächlich wesentlich mehr erhoffe. Zahlreiche Teigvarianten, Cremes und Saucen bilden den ANfang und dann kommen die Torten: „Sachertorte“, „Malakofftorte“, „Linzer Torte“, „Esterházytorte“, „Kürbiskerntorte“, „Dobostorte“, „Wachauer Marillentorte“ – es geht doch. Auch die Rezepte für Gebäck und Marmeladen erfüllen meine Erwartungen und wenn dann noch „Heidelbeerdatschi“, „Griesschmarren“, „Liwanzen“, „Palatschinken“ und „Salzburger Nockerl“ den Abschluss bilden, bin ich mit dieser Rubrik absolut zufrieden. Alles in allem, leidet das abuch schlichtweg darunter, dass es sich zu viel vornimmt. Ein Buch mit allen österreichischen Süßspeisen wäre okay, oder eines mit allen Suppen, auch eines, in dem alleine nur Knödelvarianten präsentiert werden, hatte ich ja schon. Und das reicht halt auch einfach. Ein umfassendes Werk mit allen Bereichen ist daher quasi zum Scheitern verurteilt, was sich leider auch hier zeigt. Weniger wäre da deutlich mehr gewesen. Und ein paar schöne, appetittanregende Bilder hätten mich auch erfreut.

Anfängertauglichkeit: ☆☆☆
Alltagstauglichkeit: ☆☆☆☆
Geschenkqualität: ☆☆
Originalität: ☆

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