Es war einmal ein Sommer…

sommer.jpgMeine Beine frieren, meine Zähne klappern und meine Nase tropft – es ist kalt. Ich bin für dieses Wetter nicht gemacht und abgesehen davon, dass man nach einem strammen Marsch durch die kühle Luft eine gesunde Gesichtsfarbe hat, kann ich nicht nachvollziehen, warum manche Leute den Winter dem Sommer vorziehen. Ich bin halt kein Wintersportfan und schwitzen tue ich auch nicht wirklich, weswegen alle Zeichen bei mir stets auf SOMMER stehen. Wie erfreut mein kältegeplagtes Herz da „Sommer. Die schönsten Rezepte für sonnige Tage.“ Jens Linder und Johanna Westman bringen mir mit ihrem Werk (Hölker Verlag) zumindest ein paar warme Gedanken in die eisige Realität. Auch die beiden sind bekennende Sommer-Freunde und schenken uns mit ihrem kunterbunten, im Collage-Stil designten Buch bunte Farbkleckse voller Lebensfreude. 

Die ersten Seiten sind ein quietschiger Mix aus Retro-Elementen, Blümchenmuster, Zeichnungen, Fotos und mehr. Ich bin gespannt, was da auf mich zukommt. „Große Feste“ heißt es zu Beginn und mit einer kurzen Erklärung zu den typischen Anlässen, im Sommer eine fette Sause zu schmeißen und „Bellinibuffet“, „Sommerbowle“, „Belegten Broten“, „Verdure alla griglia“, „Fadenkäsesalat“, „Bulgursalat“, „Tjälknöl“ (Kalbsbraten) und „Smörgastarta“ (eine etwas gewöhnungsbedürftige herzhafte Torte mit Krustentieren, Spargel udn Spargelcreme, Wachteleiern, Kräutern und Blumenkohl) geht es los. Genauso unkonventionell wie die Aufmachung sind auch die Bilder und Rezepte. Ein bisschen viel, ein bisschen überladen, ein bisschen schrill, aber irgendwie lustig. „Mittsommerabend“ heißt es dann, also ein gemeinsamer Abend mit Blick in den rötlichen Himmel und familiärer Urlaubsstimmung. Dass wir uns hier kulinarisch durch Schweden bewegen, hatte ich nicht explizit erwähnt, aber „Sommerhering“, „Zitronenhering“, „Svecia-Strömling“, „Mit Holunder gebeizter Lachs“ oder auch „Dillköttbullar“ lassen keinen Zweifel daran. Dazu gibt es „Lauwarme neue Kartoffeln mit Spargel, Erdbeeren und Kräuter-Knoblauch-Dressing“ .. lecker. den krönenden Abschluss bilden „Pistazienpavlova mit Lemon-Maracuja-Curd“ und „Selbst gemachter Holunderschnaps“. Da sag ich doch nur „cheers“ – so lässt sich der Sommer gut aushalten. Dekoideen für Garten und Tisch runden das bunte Ensemble ab. Auch wenn es ja gerade die Deutschen sind, die sich als Weltmeister im Grillen betrachten, gibt es auch bei den Schweden ein Kapitel dazu und zwar eines mit „Gegrilltem Flussbarsch mit Spinatsalat“, „Gegrilltem Maiskolben mit zwei Sorten Kräuterbutter“, „Gegrilltem Mini-Tintenfisch“, „Petersilien-Minz-Salat“, „Sommerlich Kalter Tomatensauce“, „Schweinebauch auf Sardinen“, „Chimichurri“ und diversen Dips und Saucen. Fazit: Eigentlich kann man so ziemlich alles auf den Grill hauen, was nicht weglaufen kann. Vom Grill ins Gras geht es mit „Picknick“ und Vorschlägen wie „Lorbeerhähnchen“, „Picknicksandwich mit Frittata und Salami“, „Eingebackene Wurst mit Kräutern und Bacon“ und „Cointreau Erdbeeren“. Wer Fleisch und Fisch nichts abgewinnen kann, wird mit diesem Buch nicht glücklich, befürchte ich. Aber immerhin ist bei „Gebäck und Kuchen“ beides sicherlich nicht drin. „Haferkekse“, „Kardamomkringel“ und „Mandeltorte“ treffen auf 1001 Sirupvariation (Rhabarber, Erdbeer, Preiselbeer, Holunderblüte, Himbeer mit Minze). Vermutlich kann man damit auch ziemlich gut Sekt aromatisieren… hmmmm. Allerdings finde ich, dass das jetzt ein bisschen wenig Kuchen und Kekse waren, um daraus ein ganzes Kapitel zu machen.
„Sommer im Glas“ kommt frisch daher mit „Caponata“, „Eingelegter Zucchini“, „Mixed Pickles“, „Sommerkimchi“, „Entenrillette“, „Lachsrillette“, „Mandelcrumble“ und „Luxus-Knuspermüsli“. Erinnert mich jetzt definitiv an die letzten Bücher mit der „im-Glas-mitnehmen“-Thematik nur eben in abgespeckter Version. „Sonnentage“ und danch „Regentage“ laden uns ein zu „Ei auf Florentiner Art“, „Schnittlauch-Omelette mit geräuchertem Flunder“, „Flussbarsch Burro e Salvia mit Gurkensalat“, „Panierter Zander mit Rhabarbersauce“, „Sommerpasta mit Zucchini und Taleggio“, „Pakistanisches Lammcurry“, „Mamas Rhabarbertarte“, „Amerikanische Pancakes mit Erdbeeren“, „Sahnescones“, „Semlor“ (schwedische Hefebrötchen) und jede Menge Eis.
Interessante Mischung aus traditionellen schwedischen Gerichten, internationalen Klassikern und ausländischen Exoten. Die Rezepte sind ebenso wild durchmischt wie die Aufmachung des ganzen Buches – und daher echt Geschmackssache. Ich gebe zu, dass mich das Konzept trotz der Bilder, die ich extrem schön finde, anstrengt. Der Gedanke hierbei, dass man an Sommertagen nicht lange in der Küche stehen mag und an Regentagen etwas braucht, das wärmt, sättigt und tröstet ist hingegen stimmig und klar strukturiert.
Anstrengend auch „Kochen auf engstem Raum“, weswegen hier unter anderem gezielt Dinge verarbeitet werden, die man ohne Kühlschrank mit den Urlaub nehmen kann. „Coole Gazpacho“, „Gekochter Lachs mit Salsa verde“, „Brot aus der Pfanne“ funktionieren da ebenso wie „Dillkartoffeln“ und „Krabbelurer“ (eine Art süßer Pfannkuchen.) Das vorletzet Kapitel „Erntezeit“  bietet alles, was draußen wächst und gedeiht: „Artischocken mit Sardellen-Zitronen-Butter“, „Nussige Bohnen“, „Country Mushroom Crumble“, „Schwarzes Johannissorbet“ und diverse Marmeladen (Stachelbeer, Rhabarber mit Ingwer, Blaubeer mit Vanille, „Himbeer usw..)
Mit dem „Krebstfest“ erreichen das schwedische Jahr und das Buch ihren Höhepunkt: „Bruschetta mit Edamamecreme, Gruyere und gerösteten Haselnüssen“, „Västerbotten-Quiche“ und natürlich Krebse mit allerlei Dips und „Krebsmartini“. Na dann, Prost!
alles in allem ein originelles und definitiv einzigartiges Buch. Für alle, die sich für Schweden begeistern können sicherlich ein schönes Geschenk, für alle, die gerne klar strukturierte und übersichtliche Werke haben eher nicht. Ich hätte statt der vielen kleinen Kapitel, die auf Grund der Kürze etwas halbherzig wirken, lieber umfangreichere Abschnitte mit mehr Rezepten gehabt. Zudem finde ich die Kompositionen teilweise schwer nachvollziehbar, was aber vermutlich damit zusammenhängt, dass hier die verschiedenen Gerichte so zusammengestellt wurden, wie man sie in Schweden traditionell anbietet.

Anfängertauglichkeit: ☆☆☆
Alltagstauglichkeit: ☆☆
Geschenkqualität: ☆☆☆☆
Originalität: ☆☆☆☆

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