Roh, vegan, kalt und überall Nüsse

raw.jpgIch bin ja recht experimentell eingestellt, was Essen betrifft, und probiere nahezu alles mal aus. Von daher gab es natürlich auch schonmal den Versuch einer Rohkost-Woche, der bei mir allerdings mit Magenschmerzen, einem dicken Bauch und dem ziemlich häufigen fluchartigen Verlassen von Räumen, in denen sich noch andere Menschen befinden, endete. Ich fühlte mich weder gut, noch sah ich gesund aus. Stattdessen war ich matt, frustriert, hatte einen Blähbauch und war nur noch am Frieren. Aber jetzt, wo der Sommer kommt, dachte ich mir so: Naja, mal wieder ein paar Tage gehen schon, zumal es ja warm ist und du auch recht viel an der frischen Luft unterwegs bist *g* … wie gerufen kam da also „Simply Raw! Rezepte ohne Kochen & Backen„. Angepriesen wird das Buch von Violauine Bergoin aus dem Südwest Verlag mit „vielen Smoothie-Rezepten“. Na, das klingt doch gut. Und ich muss weder kochen noch backen- geht es einfacher? smile emoticon

raw3.jpgDas Buch gliedert sich in die vier Jahreszeiten, wobei ganz klassisch der Frühling an erster Stelle steht. Eine Einleitung mit Wissenswertem zu Nüssen, Ölfrüchten, Keimlingen, Sprossen und Superfoods gibt es vorher bevor wir mit „Kokosriegel“, „Porridge“, „Grünzer Gazpacho“, „Thailändischer Frühlingsrolle und Krautsalat“ (hier stutze ich das erste Mal als ich die merkwürdige Nussmasse in den rohen Kohlkopfblättern sehe), „Rüblitorte“, „Brownies mit Carob und Rohkakao“, „Limettentörtchen mit Minzsauce“ und „Maracujatorte“ mitten hineinstürzen in die Rohkostwelt. Klingen tut das alles gut und auch die Fotos sind ganz okay, aber wenn ich dann lese, dass die Rüblitorte, die ja nicht gebacken wird, aus Nüssen, Nüssen, Nüssen, Zucker, Agavendicksaft, Gewürzen und ein paar Karotten besteht und die auch die Brownies in erster Linie Datteln, Nüsse, mehr Nüsse, Zucker, Agavendicksaft und Fett als Inhaltsstoffe vorweisen – gesund ist das ja alles, aber sicherlich nicht unbedingt figurfreundlich. Bei den Limettentörtchen uns der Maracujatorte das gleiche Spiel – nur zusätzlich noch mit Minze bzw mit Maracuja.

Der Sommer startet da deutlich fettärmer mit „Beeren-Smoothie“, „Pfirsich-Acerola-Smoothie“ und „Melonen-Feigen-Sorbet“. Auch die „Gazpacho mit Urucum“ (Samen des Anattostrauchs), „Auberginenkaviar“ (Auberginendip), „Tapenade“ (Olivenpaste) finde ich ganz schön, wobei die beiden letzten bei mir nur als Gemüsedip auf den Tisch kommen, weil sie recht viel Öl enthalten. Was hingegen so gar nciht geht – und das nichtw egen dem was drin ist, sondern, weil es ungekocht ist, ist die vientamesische Suppe „Phô“. Hier wird zwar kurz Wasser erhitzt und man stellt eine Art Brühe her, aber dann wird das Gemüse damit lediglich beim Servieren übergossen. Nee, also das muss ja nicht sein. So halbgares und vermutlich lauwarmes Zeugs…

raw4.jpgAuch die „Sommerlasagne“, bei der die Lasagneblätter durch rohe Zucchinistreifen ersetzt werden und die mit einer Nussmasse, Pesto, einer „falschen Bechamelsauce“ aus Cashews, Nährhefe und Probiotika-Kapseln sowie „falschem Parmesan“ ebenfalls aus Nüssen uns Nährhefe daherkommt, bringt mich fast zum Weinen. Schockiert lese ich nochmal den Klappentext und sehe die grausamen Worte: „Clean Eating in Form von veganer Rohkost„. Okay, jetzt erklärt sich alles und mich schockt nix mehr.
Ich mag vegetarische Kochbücher, das habe ich schon oft geschrieben, aber vegan? Vegan ist für mich als Käsefan, Joghurtliebhabern und Milchkaffee-Süchtling ein Greultat. Das kann ich nicht und möchte es auch nicht müssen.
Aber immerhin wundert mich jetzt auch nicht, dass bei den „Zucchininudeln mit Sauce Marinara“ Fleischbällchen aus Sonnenblumenkernen und Tomaten auf den Teller kommen, die „Gefüllten Tomaten mit Basilikumsauce“ nicht nur roh, sondern zusätzlich mit Nüssen gefüllt sind und auf dem Boden der „Erdbeertorteletts“ wieder keine Vanillepuddingcreme landet, sondern eine Cashew-Agavendicksaft-Pampe. Warum schreibt man das denn auf die Rückseite des Buches und nicht in den Titel oder zumindest in den Störer, statt der Info, dass man hier besonders viele Smoothie-Rezepte findet??? Ich finde die Tatsache, dass das Buch vegan ist, ist doch eindeutig wichtiger als der Rest.
Statt zu klagen, versuche ich einfach die Rezepte, die normalerweise mit fleischlicher Komponente gedacht werden zu überfliegen und starte in den Herbst.
„Birnen-Bete-Saft“, „Pflaumensaft mit Acai“ (ziemlich eklig braune Farbe), „Rote-Bete-Hummus“, „Pilzkaviar, „Apfelcrumble“ und „Birne Helene“ lesen sich da noch ganz normal, aber wenn ich „Vegane Makis“ (Reis kannste ja knicken, weil man den ja kochen müsste, also werden Pastinaken zu einem Pseudo-Reis zerkrümelt), „“Burritos“ (wir rollen wie gehabt eine Kernmischung mit Gemüse in rohe! Weißkohlblätter), „Bruschettas“ (wir legen auf rohe Chicoree-Blätter einen falschen Käse aus Nährhefe und Cashews und toppen as Ganze mit Tomatensauce, Sprossen und Agavendicksaft) und „Pekanusstorteletts“ (Nuss mit Nuss und Nuss und noch mehr Nuss – und ein wenig Fett und Zucker) lese, dann möchte ich schreiend weglaufen. eek Warum soll man das essen wollen? Nee, das muss nicht sein.
Und wenn man hier so ethisch korrekt ist (und darum geht es den meisten Veganern ja), dann hab ich kein Verständnis dafür, dass man für Leinsamencracker und Grünkohlchips 3 bzw 6 Stunden lang den Backofen laufen lässt. Das ist wohl kaum gesund für Natur und Umwelt, oder?!
raw6.jpgLast but  not least der Winter mit „Apfel-Karotten-Saft mit Kurkuma und Ingwer“, „Mandelmicl-Kaki-Smoothie“, „Mangosmoothie mit Chiasamen“, „Apfel-Birnen-Chutney“, „Nusskäseplatte“ (ich weine: Nusscamembert, Nussfrischkäse mit Kräutern und Slauschimmel-Nusskäse), „Rote-Bete-Ravioli“ (gefüllt mit … richtig: Cashewkäse), „Spinatquiche mit getrockneten Tomaten“ (Quiche ist bei mir ein warmer herzhafter Kuchen mit einer Ei-Quark-Masse. Hier handelt es sich um einen rohen, gekühlten Teig mit einer rohen, Spinatfüllung, die vermutlich kaltem Spinatpüree gleicht.) und „Schokoladenmousse mit Clementinen-Sauce und kandierten Orangenschalen“ (Wobei die Schoko aus Avocado, Banane, Rohkakaopulver, Agavendicksaft, Kokosfett, Apfelessig und Sojasauce besteht). Also wer bis zum Winter durchgehalten hat, sollte spätestens jetzt schleunigste den Winterschlaf antreten, denn es wird definitiv kalt.
Für mich, die ich im Winter (oder generell bei allem unter 20 °C friert) ist eine solche Ernährung im Winter undenkbar. Da bin ich dann nicht nur frustriert und von dem ganzen Nusskram allmählich genervt, da gibt es ja noch nicht mal ne warme Brühe zum Aufwärmen … nene, das muss nicht sein.
Fazit also: Definitiv nix für mich. Alles roh: okay. Kein Fleisch: okay. Kein Fisch: okay. Kein Ei: wenn es sein muss. Keine Milch, keine Butter, keinen Quark, keinen Joghurt, keine Sahne, keinen Käse: no way! Von daher nur für hartgesottene Veganer empfehlenswert, die sich gerne noch ein bisschen mehr geisseln möchten, weil ihnen die vegane Ernächung noch viel zu wenig Schranken auferlegt… confused emoticon

Anfängertauglichkeit: ☆☆☆☆☆ (man muss ja nichts kochen und backen, sondern nur pürieren und kneten)
Alltagstauglichkeit: ☆ (ein soziales Leben ist so kaum möglich und Freunde kommen zum Essen sicher auch keine mehr vorbei)

Geschenkqualität: ☆ (für all jene, die schon alles haben und all jene, die du nicht magst)
Originalität: ☆☆ (Auf die Ideen muss man zugegebenermaßen erst mal kommen. Von daher für die große Verwunderung, Rastlosigkeit und das Kopfschütteln, das es erzeugt ein Extrapunkt!)

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