Männer am Herd – kochen macht sexy

mann.jpgLängst ist die Küche nicht mehr den Frauen alleine zuzuordnen, denn in Zeiten von (angestrebter) Gleichheit der Geschlechter haben sich die Männer ihren Platz in der Küche erkocht. Ich persönlich kenne viele Pärchen, bei denen es der Mann ist, der sich in der Küche experimentell betätigt während die Frauen immer dann zum Einsatz kommen, wenn es schnell gehen muss oder Standard gekocht wird. Während die Männer schon immer ihre Begeisterung fürs Grillen und entsprechend hochwertiges und teures Equipment ausgelebt haben, widmen sich viele mit dem gleichen Feuereifer (und teurem Equipment) der heimischen Küche. Gute Beispiele hierfür finden sich auch in „Gastrosexuell. Männer, die fürs Kochen brennen“ von Svenja Jelen, erschienen im Delius Klasing Verlag, von dem ich ja bereits „GIN“ und „So frühstückt die Welt“ vorgestellt hatte. 

mann5Ähnlich der Aufbau auch hier: es werden Geschichten erzählt, Menschen vorgestellt, das Kochen in ein Gesamtkonzept eingebunden. Beeindruckt bin ich auch, dass das Vorwort von keinem Geringeren als Denis Scheck stammt, dem bekannten und unglaublich unterhaltsamen Literaturkritiker. Nach einem Kapitel „Nice to Have“, also einer Übersicht der Dinge, die man in einer gut sortierten Küche finden sollte (- hier bestätigt sich wieder das oben angesprochene Verlangen der kochbegeisterten Männer, sich teures Equipment zuzulegen-): Dampfgarer, Eismaschine, Räucherofen, Sousvide-Garer, Vakuumiergerät…  alter Falter, ganz schön kostspieliges „schön-zu-haben“. Ich würde mich auch freuen, das alles zu haben, aber zurück zum Buch. Was bedeutet eigentlich „gastrosexuell“, mag sich der ein oder andere fragen: Der Begridd selbst steht für einen Mann, der nicht nur mit großer Begeisterung kocht, sondern für dieses Faible natürlich auch eine hochwertig ausgestattete Küche mit Hightech- Küchengeräte zu schätzen weiß…. das haben wir ja schon gemerkt (s. „nice to have“).
Ob man(n) selbst zu der oben beschriebenen Gruppe gehört, kann man laut Delius-Klasing-Verlag über folgende Fragen herausfinden:

  • Sie lesen lieber die „Beef“ als den Playboy
  • Sie investieren Ihr Geld am liebsten in Niedertemperaturgarer (oder erfinden sie gleich ganz neu selbst und bauen sie zusammen)
  • Sie lassen sich von einer Frau in der Küche kein Vakuum für ein Sous Vide Garer vormachen
  • Nicht das Essen selbst, sondern vielmehr die Zubereitung eines Gerichts lässt Sie in orgiastische Verzückung geraten
  • Sie bezeichnen sich selbst als „Gaumenerotiker“ und weisen gern auf ihr „Genießer-Gen“ hin

mann2Mir persönlich ist das ja auch lieber, wenn der Mann neben mir im Bett die „Beef“ wälzt und nicht den „Playboy“ smile emoticon
Aufgeteilt ist das Buch in die 10 Männer, die porträtiert werden bzw Einblicke in ihre Küche gewähren und so heißt auch jedes Kapitel nach seinem Küchenhelden. Los geht es mit Felix. Der aus einer Bäckerfamilie kommt (Mutter gelernte Köchin) und uns „Boullabaisse mit Baguette und Sauce Rouille“ sowie „Bananenkuchen mit Tahini und Wabenhonig“ kredenzt. Daneben erfahren wir, wo er seine Produkte kauft und, was ihn besonders am Kochen reizt. Johannes und Henning, die Kreativdirektoren, setzen auf „Heiß geräucherte Entenbrust mit wildem Spargel und Salat“ mit „Sousvide gegartem Txogitu-Rind mit Kartoffelpüree und süßen Möhren“.
Bei Justus, der Koch gelernt hat und in mehreren Sternehäusern Erfahrung sammeln konnte, kommen „Grüner Salat mit Avocadocreme und marinierten Leinsamen“, „Lammfilet in Lamm-Jus, Zuccinipüree und blauer Kartoffelstampf“ neben „Sommerlichem Erdbeerdessert mit Erdbeerchips und Buttermilchschaum“ auf den Tisch.
mann4Ich gebe zu, dass mich die Rezepte durchaus beeindrucken. In Anbetracht der Tatsache, dass man dafür aber diversen Hightech-Kram (s. oben) braucht und das alles meist nicht nur kompliziert, sondern auch noch zeitaufwändig ist, wäre das für mich ein paar Nummern zu hoch. Trotzdem ist das Buch faszinierend, weil man mit den Bildern Einblick in fremde Küchen und Töpfe erhält (ein bisschen Voyeur sind wir ja alle) und  die meisten Food-Pics (sorry, grau-braunes Bananenbrot mit grau-brauner Creme darauf sieht nicht lecker aus) sind ansprechend. Und da ich ja eingangs bereits gesagt habe, dass es hier mehr um das Gesamtkonzept geht und nicht nur um die Rezepte, möchte ich hier auch nicht alle weiteren Rezepte runterbeten – das macht einfach keinen Sinn, weil man sich das Buch sicherlich nicht in erster Linie wegen der Rezepte kauft. Es sei aber verraten, dass es im Anhang eine Auflistung der Rezepte nach „Vorspeise“, „Hauptgericht“ und „Dessert“ gibt so dass man sich auch ohne das Lesen aller Kapitel, einen Überblick verschaffen kann. Hier finden sich dann zum Beispiel „Offene Seafood-Lasagne“, „Flambierte Portulak mit Feta-Dattel-Speck-Kartoffeln an Salsa Verde“ und „Schokoladencrumbletarte mit Schokoladenkaviar“…  (ein Verzeichnis der Läden, in denen man die ein oder andere rare Zutat findet, gibt es ebenfalls – nur falls jemand das doch nachkochen möchte…)
mann3.jpgAlles in allem ein ganz wunderbar unterhaltsamen, interessantes und amüsantes Buch mit interessanten Menschen, schönen Bildern und kreativen Rezepten. Mir hat es ein Wochenende lang bestens zum Schmökern und Entspannen gedient.
(PS: Ein wenig froh bin ich ja schon, dass man Mann nicht gastrosexuell ist! 1. Geht das tierisch ins Geld, 2. kommt das Essen bei uns nicht erst nach Stunden auf den Tisch und 3. muss ich mir keine Sorgen machen, dass der Mann weinend in der Küche zusammenbricht, weil das Rezept, an dem er 6 Stunden gewerkelt hat, nicht funktioniert hat. Sollte jemand einen gastrosexuellen Mann abzugeben haben, würde ich ihn als besten Freund aber gerne übernehmen smile emoticon)

Anfängertauglichkeit: ☆ (nicht mal als halbwegs erfahrener Koch)
Alltagstauglichkeit:  ☆ (Zeit, Geld, Ausstattung…. äh, ne, leider nicht)
Geschenkqualität: ☆☆☆☆☆ (klar, super unterhaltsam)
Originalität: ☆☆☆☆☆ (tolle Idee, schöne Umsetzung und hoher Unterhaltungswert)

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