Ganz weit weg und doch so nah

juedisch.jpgSo kommt es einem vor, wenn man sich durch das Buch „Die Jüdische Küche. Eine kulinarische Reise zwischen Tradition und Moderne – mit über 160 Rezepten“ von Annabelle Schachmes (erschienen bei Südwest) arbeitet. Ich nenne das bewusst „arbeiten“, denn mit fast 400 Seiten handelt es sich hier um ein echtes Schwergewicht in Sachen Kochbuch. Tradition und Moderne zeigen sich bereits beim Einband, der mit aktuellen Rezeptbildern und alten Fotoaufnahmen entworfen wurde. Diese Gestaltung setzt sich auch im Inneren fort, wo an vielen Stellen schwarz-weiß Fotografien  vergangener Tage auf alte Gebräuche und Lebensart hinweisen. Daneben gibt es aktuelle Fotografien – viele mitten aus dem Leben wie vom Markt oder aus Cafes. Ungeschönt, echt, lebensnah. Das hatten wir ja in letzter Zeit schon einige Male. 

jud2.jpgKurz erklärt uns die Autorin wie das Buch entstanden ist, bevor es mitten hinein geht in eine Kultur und Küche, die einem zugleich so vertraut und fremd erscheint. Zuerst gibt es da „Gewürze, Eingelegtes & Würzmittel“ wie „Russische Malossols“ (Gurken), „Eingelegte Zitronen“, „Chrain“ (Meerrettichpaste), „Harissa“, „Tahini“, „Eingelegtes Gemüse“, „Ambasauce“ (Mango-Chutnes-Soße), „Zhoug“ (Würzpaste), dann folgen die Vorspeisen mit „Hühnerleberpaste“, „Eier mit Zwiebeln“, „Pierogi“ (Teigtaschen), „Heringssalat“, „Tarama“ (Rogencreme), „Bohnensalat mit eingelegten Zitronen und Zitronenmelisse“, „Orangensalat mit Oliven und Granatapfelkernen“, „Fenchel-Kumquat-Salat mit Haselnüssen und Timut-Pfeffer“, „Banatages“ (Kartoffelkrokette mit Fleischfüllung), „Brikteig-Taschen mit Fleisch und Kartoffeln“ oder auch „Hummus“, „Börek“, „Baba Ganoush“ und „Gefüllte Auberginen“. Eigentlich ein bunter Mix, den ich aus russischen, polnischen, türkischen und orientalischen Kochbüchern so – oder so ähnlich kenne. jud3.jpgFaszinierend, dass hinter all diesen weltweit breit verstreuten Gerichten eine einzige Kultur steht. Mir fehlen allerdings Bilder. Wurde zu Beginn noch großzügig über mehrere Seiten das Markttreiben abgebildet so bleiben hier viele Rezepte ohne Abbildung, was ich bei Gerichten, die ich nicht einmal vom Namen her kenne, schade finde. Da muss ich dann lesen, um was es sich handelt, kann es mir aber nicht immer direkt vorstellen.
Weiter geht es mit den Hauptgerichten die da wären „Klops“ (Hackbraten), „Gulasch“, „Pkaila“ (geschmortes Rindfeisch), „Msoki“ (Gemüse-Fleisch-Eintopf), „Guenaouia“ (Kalbseintopf geschmort) oder auch „Tscholent“, „Dafina“, „Loubia“, „Mloukhia“, „Tbit“ – alles irgendeine Form von Schmorfleisch mit Gemüse. Hier merkt man das Fehlen der Bilder besonders, denn man kann sich einfach erstmal nichts darunter vorstellen. Auch „Hackbällchen mit Zitrone von Madame Bouskila“, „Gefüllte Kartoffeln von Mémé Fortunée“, „Fischbällchen“, „Couscous mit Dorade und Quitten“, „Lammtajine mit Trockenpflaumen“ und viel mehr sind hier zu finden.
jud4.jpgMeiner Meinung nach müssten die ganzen Variationen und „hier noch ein Rezept und da noch ein Rezept“ gar nicht sein. Das ist viel zu viel und nimmt offensichtlich den Platz für Bilder. Gerade weil es sich ja um viele Rezepte von Personen handelt, die das sehr gut können und original kochen, hätten mich Bilder direkt von deren Herd und Tisch wahnsinnig interessiert. Stattdessen gibt es hier mal ein Bild von einem Mark, da mal ein Bild von einem Rohprodukt – schade.
Bei den Beilagen finden wir dann „Latkes“ (Kartoffelpuffer), „Kugel“ (Nudelauflauf herzhaft oder süß), „Madras“ (Linsen und Reis), „Kascha“ (gerösteter Buchweizen), bei den Suppen „Hühnerbrühe“, „Rindfleischkneidler“ (Matzenmehrsuppe), „Borschtsch“ und  „Kreplach“ (Tortellini). Vieles davon kennt man mit anderem Namen oder leicht veränderten Zutaten aus anderen Küchen bereits. Dann heißt es „New York Streetfood & Delis“ mit „Tunesisches Sandwich“, „Falafeln“, „Sabich“ (Auberginenbrötchen), „Schnitzel“, „Lamm-Schawarma“ (Döner), „Pastrami“, „Pökelfleisch und Rinderzunge“, „Knisches“ (Gebäck mit Zwiebel-Kartoffel-Ei-Füllung) … so langsam bin ich erschlagen. jud5.jpgAuch, weil sich vieles hier ähnelt. Da gibt es diverse Teigtaschen, die alle aus nahezu identischen Zutaten bestehen, die Füllungen sind oftmals gleich und ohne Bilder kann ich da auch auf einen oder zwei Blicke kaum Unterschiede ausmachen. Ich finde es schade, dass die Autorin so verzweifelt versucht, ein Universalwerk zu schaffen und alles einzubinden, denn das bringt dem Leser/ Koch nichts. Da ist er nur überfordert. Gerne Variationen in einem Beisatz erwähnen, oder Hinweise geben, dass man mit leichter Variation ein anderes Gericht zaubern kann, aber nicht nochmal ein neues Rezept.
Dann gibt es noch „Brot & Backwaren“ wie „Challa“, „Matzen“, „Bagels“, „Pletzel“,. „Mandlen“, „Pumpernickel“, „Blini“ und „Pitabrot“, „Desserts“ wie „Strudel“, „Mohnkuchen“, „Sernik“ (Polnischer Käsekuchen), „Schokoladen-Babka“, „Zabayon“, „Halva“, „Droô“ (Hirsebrei), „Aniskringel“, „Honigzigarren“, „Mandelsirup“, „Pessach-Makronen“, „Gefüllte Chanukka-Krapfen“ (Berliner), und „Honigkugeln“.
Hier fällt mir auf, dass es viel einfacher wäre, wenn man einfach auch im Buch – so wie ich es hier versucht habe – hinter die teils gänzlich fremden Gerichte eine Erklärung geschrieben hätte. Ganz ab und an ist die erfolgt, manchmal erklärt ein kurzer Text darunter, worum es sich handelt, aber oftmals kann man das nur anhand der Zutaten erahnen.
Was mir hingegen gut gefällt, sind die eingebundenen detaillierten bebilderten Anleitungen zur Herstellung u.a. von Honigzigarren“ und „Brikteig-Taschen“. Da wäre man ohne nämlich ziemlich aufgeschmissen. Aber auch davon hätte man an anderer Stelle durchaus mehr einbinden können. Insgesamt eine gut Idee, aber der Wunsch und der Versuch, alles zu wollen, kann nicht klappen. Hier wäre eine reduzierte Auswahl mit mehr Bildern und mehr Anleitungen weit mehr gewesen. Leider.

Anfängertauglichkeit: ☆☆☆ (mal mehr, mal weniger)
Alltagstauglichkeit: ☆☆☆ (bei 400 Seiten sind da auch alltagstaugliche Rezepte bei)
Geschenkqualität: ☆☆☆☆ (für alle, die nie genug bekommen können ^^)
Originalität: ☆☆☆ (ja, weil der Ansatz toll ist und schön zeigt, wie verwurzelt die Kultur weltweit ist. Leider nicht optimal umgesetzt.)

© alle Bilder Südwest Verlag/ Annabelle Schachmes
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