Der (Küchen)Bulle wird stubenrein

Skueche.jpgeit ich vor Jahren gesehen habe, wie Tim Mälzer in seiner Fernsehküche rumschmuddelt und mit Handtüchern siffige Bretter abwischt oder siffige Bretter einfach auf die andere Seite dreht und entspannt weiterarbeitet, hat der „Schmuddel“ bei mir seinen Eindruck weg. Sein Auftreten in den sozialen Medien, in denen er regelmäßig provoziert, hat zudem dazu beigetragen, dass ich ihm ein wenig skeptisch gegenüberstehe. Das neue Buch „Die Küche: Mit über 120 Rezepten, in hochwertiger Ausstattung mit Goldfolienprägung“ (Mosaik Verlag) sah dann aber irgendwie doch so ästhetisch und ansprechend aus, dass ich mich nach einigen Jahren Abstinenz wieder an den „Bullen“ herantraue. Vielleicht hat er sich ja mittlerweile ein wenig die Hörner abgestoßen und ist zugänglicher?
IMG_4108.JPGVom Verlag heißt es zum Werk „Seine Leser zu motivieren und inspirieren anstatt ihnen feste Vorgaben zu machen – das war und ist Tims besonderes Anliegen. Er möchte Grundverständnis schaffen und dadurch dem Leser ausreichend Raum geben, die Rezepte nach dessen eigenen Ideen, nach persönlichem Geschmack zu variieren. Diese Philosophie setzt Tim Mälzer nun zum ersten Mal kompromisslos um: „Die Küche“ ist ein Grundlagen-Kochbuch, in dem es um Know-How geht, in dem er das Basiswissen des Kochens vermittelt und die wichtigsten Fragen zu Nahrungsmitteln und Kochtechniken beantwortet.“ Das klingt doch mal ganz bodenständig und auch die Tatsache, dass sich Tim Mälzer auf 30 Seiten zu seiner Motivation für dieses Buch äußert und der Art und Weise wie und warum er hier alles zusammengetragen hat, spricht für sich. Ob man jetzt 19 Seiten mit Bildern gebraucht hätte, die Töpfe und Pfannen, Gasherde, Koch- und Anrichteszenen oder auch Mälzer im Porträt zeigen, das mag jeder für sich entscheiden. IMG_4109.JPGSicher lockert es das Ganze etwas auf, wirkt aber ein wenig so, als wolle man Platz schinden, denn die Bilder finde ich persönlich zum Teil schlicht überflüssig bzw ohne Botschaft. Aber da ja noch rund 360 weitere Seiten auf uns warten , stürzen wir uns mal hinein in das Grundlagenbuch, das in die Rubriken „Salat“, „Gemüse“ (Paprika und Chili – Auberginen – Tomaten – Kohl – Spinat und Co – Pilze – Kürbis – Kartoffeln – Kochen – Wurzelgemüse – Zwiebeln und Lauchgemüse), „Fleisch“ (Schmoren – Saucen – Braten – Innereien), „Geflügel“ (Frittieren), „Fisch“, „Mehl, Eier, Milch“ (Eier – Milchprodukte) und „Das Menü“ unterteilt ist. Auf den ersten Blick erfreut es mich, dass das Gemüse mit rund 120 Seiten so einen großen Umfang einnehmen darf – das hatte ich bei Mälzer definitiv nicht erwartet. Jedes Kapitel hat nochmals einen kleinen Introtext, in dem der Autor auf Besonderheiten eingeht, Tipps gibt oder schlicht informiert (beim Gemüse über jede einzelne Sorte! wow!). Beim Salat werden uns „Wildkräutersalat mit klassischer Vinaigrette“, „Asia-Blattsalat mit Sesam-Ingwer-Vinaigrette“, „Gebratener Römersalat mit Räucherpaprika-Aioli“ und „Lauwarmer Erbsensalat“ angeboten. Überraschend ästhetische Bilder – jaja, ich bin einfach im Bezug auf Mälzer ein wenig gebrannt – und was ich wie immer toll finde: zu jedem Rezept ein Foto.
IMG_4110.JPGBeim Gemüse locken dann „Gegrillte Spitzpaprika mit Anchovis“, „Miso-Aubergine aus dem Ofen“, „Gebratene Aubergine mit Tomaten-Vinaigrette“, „Tomatensuppe mit Knödelbrot“, „Linsensuppe mit getrockneten Tomaten und Schafskäse“ Wilder Brokkoli mit Haselnüssen“, „Blumenkohlrisotto mit Ziegenkäse“, „Cremespinat mit pochierten Eiern“, „Käse-Spinatknödel“, „Gegrillter Portobello mit Kräuterbutter“, „Kräuterseitlings-Pasta“,“Pfifferlingsalat mit gebratener Wassermelone und Burratina“ – also dass ich jemals sage, dass mir ein Rezept von Mälzer den Mund wässrig gemacht hat, das hätte ich ja in 100 Jahren nicht erwartet. Aber dieses Buch schafft es schon auf den ersten Seiten, mich zu überzeugen.  Tolle Rezepte, wahnsinnig schöne Fotos und HUNGER!!! „Kürbisrösti mit Apfelsalat“, „Zucchini-Frittata mit Jalapenos“, „Gekochter Spargel mit Limetten-Hollandaise“, „Steckrübenpüree mit Parmesan“, „Auf Salz gebackene rote Beten mit Himbeer-Vinaigrette“ und „Kohlrabi-Spargel-Ragout“. Alles verdammt lecker. Und auch die Texte rund um die unterschiedlichen Gemüsesorten sind informativ und schön zu lesen.
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Beim Thema „Fleisch“ habe ich jetzt doch etwas Angst – Mälzer verarbeitet ja zu gerne alles, was das Tier so bietet. „Beef Tatar klassisch“, „Gulasch“, „Boeuf Bourguignon“, „Schweinebraten“, „Kaninchenkeule mit Tomaten und dicken Bohnen“, „Ragout von der Lammkeule mit Mairübchen“, „Rinderroulade mit Morcheln“ – hey, das würd ich alles essen und es ist sogar richtig schön anzusehen, was bei Fleischgerichten ja eher selten der Fall ist, wenn man sie fotografiert. Auch „Kalbsfrikadellen“, „Schweinebauch pur“, „Hirschschnitzel mit Blaubeer-Preiselbeer-Sauce“ und „Cordon Bleu“, „Schweinefilet mit Pfefferrahmsauce“, „Leberkäse ohne Leber“ sowie „Kalbstafelspitz  mit Meerrettich-Sauce“ tät ich glatt nehmen. Lediglich beim „Gratinierten Rindermarkknochen“ bin ich raus – und natürlich bei „Ganze Kalbsniere aus dem Ofen“ oder „Saure Kalbslunge“, „Kalbsleberragout mit Apfel“. Wobei ich lobend hervorheben möchte, dass ich optisch nur die Kalbsniere widerlich finde (die Seite klebe ich glaub zu, weil das Foto echt eklig und abstoßend ist), der Rest sieht, wenn man nicht weiß, worum es sich handelt, sogar ganz lecker aus.
IMG_4112.JPGBeim Huhn locken dann „Das Brathuhn“, „Gänsekeulen-Confit auf geröstetem Landbrot“, „Gegrillte Hühnerkeule mit Apfel-Sellerie-Salat“, „Maispoulardenbrust mit Olivenbutter“ und „Gebratene Entenbrust mit Curry-Möhren und Melone“ bevor es fischig wird mit „Ofenlachs mit Fenchel und Erbsen“, „Gebratene Makrele  mit Miso-Perlzwiebeln“, „Gebratener Wolfsbarsch mit geriebener Tomatensauce“, “ Gebratene Forelle mit süßen Zitronen“, „Skrei in Gurken-Butter-Sauce“, „Doraden-Caarpaccio mit Limetten-Pfefferschoten-Vinaigrette“, „Gebratene Wildgarnelen“, „Muscheln Bernaise“ und „Risotto mit Calamaretti“. Mir gefällt auch die Tatsache, dass hier nicht irgendwelche hochtrabenden Begrifflichkeiten und Worthülsen die Gerichte unnötig umschreiben, sondern ganz schlicht und klar gesagt wird, was es gibt. Die Bilder und Zutaten sprechen schließlich für sich.
Dann folgen noch mit „Milch“ und „Mehl“ die „Gnocchi in Schnittlauch-Butter“, „Polenta mit gebratenem Mais“, „Frühlingsrollen“, „Tortelloni mit Sardellenbutter“, „Wirsing-Lasagne“, „Butterpizza“, „Avocado mit Buttermilch und Granatapfel“ sowie „Mozzarella mit Sauerampfer-Joghurt“. Und weil Mälzer keine Desserts mag beziehungsweise ungern Süßkram zubereitet, freue ich mich, dass mit „Topfenknödel mit Aprikosen“ immerhin ein Nachtisch bei ihm gelandet ist. Ein weiteres gibt es aber dann doch noch beim Menü, welches aus „Blattsalate mit Joghurt-Dressing und marinierten Beeren“, „Mafaldine mit Bologneser Ragout“ und „Bananen-Blitzeis mit Frucht-Tatar“ besteht. Danke Tim. Du hast es geschafft, mich zu überzeugen. Ein tolles Buch mit super Rezepten, Bildern und mehr. Offensichtlich kann sogar ein Bulle mal stubenrein werden. Wenn du jetzt auch noch die Bretter abspülst und nicht einfach umdrehst… aber ein klein wenig musst du wohl auch dann doch noch du selbst bleiben, ne.

Anfängertauglichkeit: ☆☆☆☆☆ (das vielleicht nicht immer, aber eine gute Anleitung)
Alltagstauglichkeit:  ☆☆☆☆☆ (sicher doch)
Geschenkqualität: ☆☆☆☆☆ (für alle, die Mälzer bislang skeptisch gesehen haben)
Originalität: ☆☆☆☆☆ (alleine dafür, dass es mich so unerwartet voll überzeugt hat)

© ALLE BILDER: Mosaik Verlag/ Matthias Haupt
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