Hunger(ska)? Jedzenia Polska!

IMG_5420.jpgWenn mich einer fragen würde, was ich mit der polnischen Küche verbinde, dann wäre da wohl nicht viel außer „Kutteln“, weil ich mich dunkel erinnere, dass das in einem Buch meiner Jugend („Ben liebt Anna“ von Peter Härtling) eine Rolle spielte. Und diese geniale Gurkensuppe aus sauren Gurken, die mir einmal meine polnische Nachhilfeschülern angeboten hat. Die war wirklich unglaublich gut. Das war’s dann aber auch schon so ziemlich, was mir zu dem Thema einfällt, von daher bin ich komplett offen für alles, was „Polaska. Die neue polnische Küche“ von Zuza Zak (Knesebeck Verlag) mir kredenzt. IMG_5421.jpgVon außen ein tolles Buch, das mich als erstes irgendwie an russische Motive erinnert- schön auf alle Fälle und ein ganz schöner Koloss mit seinen rund 250 Seiten. Geprägter Einband, Naturfotgrafien, Bilder der Autorin (vermutlich aus der Kindheit) und schon sind wir beim recht umfangreichen Vorwort. Weil bei den Polen die Küche eng mit der Kultur verbunden ist, müssen wir erst einmal diese verstehen, findet Zua, bevor wir uns in das Abenteuer „Küche“ stürzen. Da gibt ein paar Sprichwörter, ein bisschen Geschichte und die ein oder anere Sage sowie eine Runde Geografie, denn Pommern und Tatra, die Masurische Seenplatte und Schesien kann und darf man nicht in einen Topf werfen. Weder geografisch noch kulinarisch. Und last but not least dreht es sich dann noch um die Jahreszeiten und die damit verbunden Gerichte wie zum Beispiel das traditionelle Weihnachtsessen.
IMG_5422.jpgNach diesem Rundumschlag zum Thema „polnische Kultur“ starten wir mit „Frühstück und Brot“ (hier erfahren wir noch kurz die Bedeutung des Frühstücks in Polen), wo uns „Süße Kürbissuppe mit Zacierki-Klösschen“, „Nalesniki mit süßer Zimt-Fischkäse-Füllung“, „Zimt-Apfel-Auflauf“, „Luftige Eierkuchen mit Beerenkompott“, „Rührei mit karamellisierten Zwiebeln“, „Rogaliki mit Fliederblütenkonfitüre“, „Sauerteig“, „Roggenbrot mit Kürbiskernen“, „Dunkles Kümmel-Roggenbrot in Meerettischblättern“ und „Luftige Rosinenstange erwarten“. Ich wette ja, dass das alles extrem lecker (und nahrhaft) ist, aber allein von den (leider nicht sonderlich zahlreichen) Bildern her, überzeugt mich das Ganze bislang nicht. Ein wenig zu viel Retro-Filter, ein bisschen zu rustikal und betont bäuerlich.
Weiter geht es mit den Suppen (auch hier natürlich entsprechend eingebettet in eine kleine kulturelle Einführung) und Vorschlägen wie „Kalte litauische Suppe (Chlodnik) für heiße Tage“, „Sommerliche Wildkirschsuppe“, „Wildkräutersuppe mit Sauerampger und jungen Brennesseln“, „Ukrainische Borschtsch mit Rundfleisch und Limabohnen“, „Sahnige Erdbeer-Rhabarber-Suppe“, „Klare Waldpilzsuppe mit gebratenen Nudeln“ und „Winterliche Krupnik mit Perlgraupen und frischen Kräutern“. Alles bodenständig und spannend – insbesondere die süßen Suppen kennt man bei uns halt gar nicht. Dann fogt das Kapitel „Fleisch“, wobei wir zuvor erfahren, dass die Polen generell große Fleischesser sind und besonders auf Wildgerichte stehen. Demenstprechend starten wir mit „Rehsteaks mit Pflaumensauce“, „“Falsche Tauben“ in Reis-Lammfleisch-Füllung in Tomaten-Zimt-Brühe“, „Böhmischer Kaninchenbraten mit Kümmel“, „Paniertes Putenschnitzel mit Gurkensalat“ oder auch „Geschmorte Lammleber mit Cwikla“. Da wird nichts geschönt und es verkünstelt sich keiner, aber ich bin irgendwie ein wenig ernüchtert. Mag ja sein, dass diese Authentizität gerade Trend ist, aber mir gefallen die krümeligen Teller, schmierigen Tassen und angegessenen Gerichte einfach nicht. Man muss es nicht übertreiben, aber das hier ist schlicht zu viel „Realität“ für meinen Geschmack. Außerdem braucht man für einige Gerichte relativ viele Zutaten (die sind dafür aber ebenso bodenständig und überall problemlos erhältlich).

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Auch beim „Fisch“, bei dem „Gebratene Forelle mit Sauerampfersauce“, „Gebratene Makrele mit Wildkirschen“, „Pochierter Heilbtt  in buttriger Dillsauce“, „Lachswürfel in Lebkuchenpanade mit Kartoffel-Bohnen-Salat“ sowie „Knusprige Sprotten im Bierteig mit Paprikamayonnaise“ fehlt es an (ansprechenden) Bildern. Generell finde ich es schade, dass rund die Hälfte der Rezepte ohne Bildmaterial auskommen muss, denn gerade so etwas wie die Lebkuchenpanade oder die Paprikamayo hätten m ich shcon interessiert.
IMG_5423.jpgDamit Fleisch und Fisch nicht nackt daherkommen, gibt es als Beilagen noch „Gemüse, Hülsenfrühte und Kasza“ wie „Masurischer Kartoffelkuchen mit Majoran“, „Gebratene Rote Bete mit Weissbrotsauce“, „Kräuterpfifferlinge mit Kasza-Würfeln und Liebstöckel“, „Hirsefalafeln mit würzig-frischem Gurken-Tomaten-Salat“, „Junger Frühjahrskohl mit Dill und Speck“ oder auch „Blumenkohl nach Warschauer Art mit Rosenkohl“. Ebenso als Beilage geeignet sind natürlich die „Teigtaschen und Klösse“, die uns dann erwarten. Weil das mit den Teigtaschen ein bisschen tricky ist, gibt’s vorab eine bebilderte Anleitung – durchaus sinnvoll und sehr verständlich dargestellt. „Grüne Frühlings-Pierogi mit Spinat, Kasza und Käse“, „Knusprig gebackene Pierogi mit Hackfleisch-Pinienkern-Füllung“ und „Uszka mi Waldpilz-Sauerkraut-Füllung“ neben den süßen Varianten „Rosarote Sommer-Pierogi mit Erdbeerfüllung und Vanillesahne“, „“Faule Klösschen“ mit brauner Butter“ und „Herbstliche Kartoffel-Knedle mit saftiger Zwetschgenfüllung“. Letztere erinnern mich stark an unsere Marillenknödel, die mein Papa früher ab und zu gemacht hat und die ich unglaublich lecker finde.
Was mich allerdings massiv irritiert, sind die Rezepte, die sich hinter „Partysnacks“ verbergen: „Dschingis Khans Rindertatar mit Wachtelei“, „Thnfischcarpaccio in Zubrowka“, „Wachteln miz Buchweizenhonig und Kreuzkümmel“ – die Einleitung, zu der ich noch einmal zurückblättere erklärt  mir dann, dass diese Snacks früher immer zu Wodka gereicht wurden und in erster Linie satt machen sollen. Das tun sie wohl wirklich, aber wie man das aus der Hand oder im Stehen essen soll, ist mir immer noch nicht klar. Auch „Rustikaler Heringssalat mit Olivenöl und Zimt“, „Seelachs in pikant-süßer roter Sauce“, „Mamas Gewürzgurken mit Meerettich und Eicheblättern“ sind nicht unbedingt das, was ich  mir unter dem klassischen Essen für eine Party vorstellen würde, zumal ich hier erstmals das Gefühl habe, dass Welten aufeinandertreffen. Während bei uns die Sancks möglichst leicht und zart sein seolen, im Idealfall nicht stark riechen oder eine extreme Geschmackskomponente enthalten, sind alle polnischen Kleinigkeiten eher GROß und mehr als deftig und speziell.
Schnell zu den „Kuchen und Desserts“, wo „Saftiger Zimt-Szarlotka mit Baiserhaube“, „Knusperzapfen“, „Schoko-Walnuss-Torte mit Schuss“ und „Käsekuchen mit Zitrusaroma“ deutlich mehr dem entsprechen, was ich mir hier vorstelle. Und weil es die Polen ja ganz gern mal feuchtfröhlich mögen, folgt abschließend  noch ein Kapitel mit Cocktails. „Slawisches Heilmittel“, „Apfelkuchen“, „Schneeflocke“, „Bloody Bison“ und „Rosmarin-Thymian-Aperitif“ heißen die Kreationen und haben eines gemeinsam: Wodka. Ohne den kommt hier leider nichts aus und da ich den leider so gar nicht vertrage, klinke ich mich hier aus.
Alles in allem ein sehr interessantes Buch, das insbesonder durch die vielen hilfreichen Erläuterungen zur Kultur und den Gebräuchen in Polen überzeugt. Die Küche selbst und die Gerichte sind mir persönlich etwas zu rustikal, obwohl Zuza betont, dem Ganzen einen modernen Anstrich verpasst zu haben. Für alle, denen die polnische Küche zusagt aber sicher ein absolut tolles und lohnendes Buch.

ANFÄNGERTAUGLICHKEIT: ☆☆☆ (nicht unbedingt, da viel Fisch und Fleisch)
ALLTAGSTAUGLICHKEIT: ☆☆☆☆ (die meisten Rezepte brauchen etwas Zeit)
GESCHENKQUALITÄT: ☆☆☆☆ (für alle Fans der polnischen Küche)
ORIGINALITÄT: ☆☆☆☆ (weil ich die Erklärungen schön und das Konzept ansprechend finde)

©alle Knesebeck/ Laura Edwards
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