Ohne Teller & Besteck? Ohne Sinn & Verstand!

fingerfoodsDa ich derzeit so ein bisschen anfange, meine eigene Hochzeit zu planen, beschäftige ich mich gerade vermehrt mit dem Thema „Fingerfood“, weil ich allen Ernstes vorhabe (jaja, man erklärt mich hier schon für verrückt) einen Teil meines Buffets selbst zuzubereiten. Dafür gilt dann aber ganz klar: gut vorzubereiten, gut zu essen und natürlich übelst lecker muss es sein. Bei „100 Fingerfoods“ aus dem Thorbecke Verlag von Sebastian Schauermann & Fabian Björnstjerna erhoffe ich mir da die ein oder andere gute Anregung. Den Thunfisch auf dem Cover finde ich jetzt nicht ganz so passen, da ich weder weiß, wie man das essen soll und auch befürchte, dass das innerhalb kürzester Zeit im Sommer eher zu Salmonellen im Bauch als Sonne im Herzen führen dürfte…

IMG_6148.JPGWeil „Fingerfood […] so viel mehr (ist) als nur Schnittchen“ hat Schauermann dieses Buch entworfen und ich bin gespannt. Einfach,  günstig, gut vorzubereiten und nur mit Serviette zu servieren – das sollen die hier kredenzten Häppchen laut Autor sein. Klingt doch eindeutig genau nach dem, was ich suche. Die acht Kapitel lauten: „Vegetarisch“, „Fisch & Meeresfrüchte“, „Fleisch & Geflügel“, „Sliders/ Miniburger“, „Gegrilltes“, „Brot und mehr“, „Käse und Aufschnitt“ sowie „Süßes“. Soweit – so gut. „Pfifferlingsalat“ ist jetzt nicht unbedingt das, was ich hier als erstes erwartet hätte. Da wird auf einem Salatblatt frittiertes und in Fett gebratenes Zeug serviert und ich bin mir so sicher, dass das keineswegs problemlos mit einer Serviette zu essen ist. Auch „Gegrillte Paprika mit Ziegenkäse, Mais, Koriander, Chili und Honig“, „Frittierte Aubergine mit Tomate und Mozzarella“, „Halb getrocknete Tomaten mit Gnocchi in Salbeibutter“, „Kartoffelschalen mit Butternutz-Curry und Chili-Bananen-Joghurt“ sehe ich nicht auf einer Serviette. Bei „Steinpilz-Frühlingsrollen mit Sweet-Chili-Dip“, „Sumtam-Wrap mit Rettich“, „Filoteigrollen mit Spinat und Feta“ oder auch „Zwiebel-Pizzette“ mag das ja funktionieren, bei den anderen aber einfach nicht.
IMG_6149.JPGOb ich jetzt „Green Curry Mussels“, „Austern mit Yuzudressing und Ingwer“, „Leicht gebratener Thunfisch mit Chipotle und Salatslaw“ (das Rezept zum Cover), „Baby-Octopus mit Zitrone und Knoblauch“, „Dorschballotine mit glasiertem Schweinebauch und Eiercreme“, „Saibling-Tataki“ (serviert auf einem „Blatt eines Obstbaums“ – hallo, geht’s noch???), „Tiger Cheeks – Ceviche aus Dorschbäckchen mit „Tigermilch““ als Fingerfood definieren würde? Ehr nicht. Und gut vorzubereiten, günstig oder was auch immer sind die Sachen so was von eindeutig auch nicht.
Während ich mir „Crispy chicken“, „Fish Cake mit Senf-Majo“, „Bacon Jalapenos“ oder „Chicken Lollipops“ noch gefallen lasse, sehe ich bei „Kalb mit gebräunter Meerrettichbutter und Dill“, „Pork-Tsukunne mit Tare-Sauce und Wachteleiern, „Truthahn-Tandoori mit Knoblauch und Joghurt“, „Mole mit Hähnchen und Baby-Oktopus“ einfach keinen Aspekt unter dem ich das als Fingerfood definieren könnte.

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Und auch die Art und Weise, wie hier „Lammburger mit Baba Ganoush, weißer und roter Sauce“, „Sticky Pork und Coleslaw“, „Griechenburger mit Tapenade“, „Chicken Fajita, Koriandersalsa und Avocado“, „Regenbogenforelle, Baconmarmelade, Eiercreme und Senfblätter“ drapiert werden, spricht nicht für das, was es sein soll. Die Bilder sind absolut toll, essen würde ich diese Miniburger mit dem größten Vergnügen, aber selbst mit Teller gibt das so ein Geschmiere und Gekleckere, dass ich das lieber im stillen Kämmerlein essen würde, wo mich keiner sieht.
IMG_6147.JPGVon der Dekadenz, Austern zu frittieren will ich an dieser Stelle gar nicht erst anfangen.
Besonders amüsiert haben mich dann noch die „Geräucherten Eier“, die der Koch am liebsten halbiert, in der Schale mit Avocado-Salsa darauf serviert. Wenn ich meine Gäste mal vor eine richtig unlösbare Aufgabe stellen will, dann biete ich das an. Wie zur Hölle soll man das essen? Ich will ja nicht wissen, wie viele Gäste von Schauermann die Schale aus purer Verzweiflung einfach mitgefressen haben.
Immerhin lassen sich „Grillspieße mit Halloumi“, „Quesadillas“ und „Gegrillte Baby Back Ribs“ so essen – bei „Muscheln und Riesengarnelen mit Chimichurri“, „Gegrilltem Mais mit geräucherter Butter, Knoblauch und Ingwer“, „Gegrilltem Strömling mit geräucherter Aioli“, „Carnitas mit Wildschein und Dammhirsch“, „Gegrillte Pflaumen mit Vanillecreme“ hab ich irgendwie das Gefühl, dass der Autor vergessen hat, welches Thema er eigentlich hatte.
Ich fasse mich mal ein wenig kürzer. Die Crostini und Bruschetta sind dann natürlich theoretisch fingerfoodtauglich, wobei hier viele Arrangements so getürmt sind, dass es kaum möglich sein dürfte, das auch nur ansatzweise ordentlich und sauber zu verzehren. Beim Käse wechseln sich machbare Ideen („Trüffelsalamischnecken“, „Grünschimmelkäse mit Feigen und Schokolade“, „Spargel mit luftgetrocknetem Schinken“, „Mozzarellasticks mit Tomatenmarmelade“, „Ziegenkäse mit Walnuss und Roter Bete“) und unmögliche Vorschläge („Ziegenkäse mit trockenem Cider-Gelee“) ab, wobei ich es ja ein bisschen dämlich finde, einfach ein Stück Käse ohne alles zu servieren und  nur n Top einen Klecks Marmelade oder Chutney zu setzen.
IMG_6151.JPGDafür bräuchte ich dieses Buch nun wirklich nicht.
„Pavlova mit Lemon Curd, Sahne und Beeren“, „Macarons mit Himbeerschaum“, „Banoffee“, „Schafskäsekuchen mit Preiselbeeren“, „Apfelmuffins“ und „Blueberry Cheeseacke Balls“ funktionieren, aber eine schmelzende Angelegenheit wie „Icecream Sandwich“ oder eine Creme wie „Lakritz-Panna-Cotta  mit Zitrone und eingelegtem Ingwer“ sind einfach wieder der Beweis dafür, dass das Buch leider so gar nicht durchdacht ist. Schade drum.

ANFÄNGERTAUGLICHKEIT: ☆☆☆ (weil viel Fingerspitzengefühl nötig ist nicht)
ALLTAGSTAUGLICHKEIT: ☆☆ (ein klares NEIN)
GESCHENKQUALITÄT: ☆☆ (für alle, die nicht wollen, dass die Gäste gern zugreifen)
ORIGINALITÄT: ☆☆ (schöne Rezepte und gute Bilder, aber Thema verfehlt)

© Alle Bilder Thorbecke/
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