Stattlicher Mann, stattliches Buch

schuhbeckWenn ein Alfons Schuhbeck sich die Ehre gibt, mal eben 500 Rezepte für ein Kochbuch zu kuratieren, dann kann man sich schon denken, dass dabei ein ganz schöner Wälzer rumkommt. 535 Seiten umfasst das Standardwerk „Deutschland das Kochbuch“ aus dem ZS Verlag am Schluss und das kann sich definitiv sehen lassen. Nix kleine Lektüre für die Handtasche, das hier ist ein richtiger Klopper mit Format und Gewicht. Und weil das Buch eben ganz Deutschland erfassen soll mit all seinen regionalen Besonderheiten müssen diese natürlich vorab erst einmal umfassend geklärt werden.

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Daher geht es auf den ersten Seiten erst einmal um Brauchtum, Volksfeste, Trinkkultur, Großstädte, Landschaften und die Kultur bevor wir uns den eigentlichen Gerichten zuwenden. Macht ja Sinn und ist auch schön bündig zusammengefasst und reich bebildert. Dann starte wir mit „Brotzeit & kleine Gerichte“, was etwa „Radi mit Schnittlauchbrot“, „Kräuterquark mit Ei und Gurke“, „Kartoffelkäs“, „Obatzda“, „Spundekäs“, „Kochkäse“, „Handkäs mit Musik“, „Heringshäckerle“, „Halve Hahn“, „Mettbrötchen (Hackepeter)“, „Warme Leberkäsesemmel“, „Schinkenröllchen“ und „Gänseweißsauer“ umfasst. Bei jedem Rezept wird explizit die Region genannt, aus der es kommt, ansonsten sind die Rezepte kurz und übersichtlich gehalten. Was mich allerdings schon hier massiv stört: es gibt fast keine Bilder. Zu 22 Gerichten erfahren wir gerade mal bei vier Stück wie sei aussehen und davon sind noch drei auf einem Bild zusammengefasst. Schon klar, dass man bei der Fülle an Rezepten an irgendwas sparen muss, aber ich hätte lieber ein zwei Rezepte weniger und dafür mehr Bilder. Schade. Bevor es mit den Kleinigkeiten weitergeht, liefert uns ein kurzes Porträt zur Brotvielfalt Deutschlands einen kleinen Eindruck davon, was wir anderen Ländern voraus haben: 300 Variationen für Stullen und Co. Dann folgen Schuhbeck3.png„Tellersülze“, „Saure Zipfel“, „Würstchen im Schlafrock“, „Strammer Max“, „Gefüllte Eier“, „Pochiertes Ei“, „Soleier“, „Eier in Senfsauce“, „Speckpfannkuchen“, „Panhas“, „Stippgrütze“, „Gebackene Milzwurst“, „Münsterländer Tuert“, „Dortmunder Salzkuchen“, „Allgäuer Speckplätz“ und „Deie“ und ich erkenne, dass ich offensichtlich noch gar nicht so viel von Deutschland gesehen habe, weil ich da verdammt viel noch nie gehört habe. Bei den „Salaten“ sollte ich auf deutlich weniger Unbekanntes treffen, oder? „Feldsalat  mit Speck und knusprigen Brotwürfeln“, „Gurkensalat  mit Joghurtdressing“, „Möhren-Apfel-Salat“, „Grüner Bohnensalat“, „Kartoffelsalat mit Mayonnaise“, „Heringsalat  mit Roter Bete“, „Krabbensalat“, „Eiersalat“, „Rindfleischsalat“ – ja, hier ist alles ziemlich unauffällig.
schuhbeck5.jpgAuch bei „Suppen, Eintöpfe & Saucen“ bewegen wir uns  mit „Klare Hühnerbrühe“ und „Klare Rindfleischbrühe“ mit den Einlagen „Backerbsen“, „Butterklößchen“, „Pfannkuchenstreifen“, „Grießklößchen“ und „Leberspätzle“ auf bekanntem Terrain. „Hochzeitssuppe mit Eierstich“, „Bärlauchsuppe“, „Biersuppe“, „Rieslingsuppe“, „Brotsuppe“, „Graupensuppe“, „Champignonsuppe“, „Kartoffelsuppe“, „Tomatensuppe“ und „Foschsuppe“ kennt man auch, aber „Merziger Viezsuppe“, „Sauerkrautsuppe“, „Hamburger Aalsuppe“, „Badische Schneckensuppe“, „Birnen, Bohnen, Speck“, „Gaisburger Marsch“, „Pfefferpotthast“, „Pluckte Finken“, „Plumm un Tüffel“, „Schnüsch“, „Stielmuseintopf“ und „Westfälisches Blindhuhn“ sind mir dann doch eher ein Rätsel.
Bei „Fisch & Meeresfrüchte“ erwarte ich definitiv auch nicht, alles zu kennen, da wir hier in der Pfalz nicht unbedingt das Meer vor der Tür haben, aber immerhin sind „Bismarckheringe“, „Heringsülze“, „Matjesfilet mit Bohnen“, „Labskaus“, „Hechtkläßchen“, „Forelle blau“ oder auch „Lachs mit Dillsauce“  mir ein Begriff. Von „Pflückhecht mit Kapernsauce“, „Aal grün“, „Gebratene Renkenfilets“, „Pannfisch mit Senfsauce“ kann ich das eher nicht behaupten, aber auch, wenn ich es vielleicht  noch nicht selbst auf dem Teller hatte, kann ich mir zumindest teilweise etwas darunter vorstellen. Das trifft auch auf „Geflügel“-rezepte wie „Hähnchen mit würziger Käsefüllung“, „Bierhähnchen“, „Mit Kalbsbrät gefüllte Bauernente“, „Gänsebraten mit Äpfeln und Zwiebeln“, „Fasan auf Spitzkohl mit Maronenmus“, „Geschmorte Täubchen“ sowie „Rebhuhn im Weinblatt“ zu.
Schuhbeck4.pngSo allmählich merkt man den Umfang des Buches, denn ich bin noch nicht einmal in der Hälfte angekommen und ächze schon ein wenig. „“Kalb & Rind“, „Schwein“, „Lamm & Wild“, „Kartoffeln, Klöße & Co“, „Gemüse“, „Desserts“, „Gebäck, Kuchen & Co“ liegen noch vor mir, aber ich bin irgendwie satt. Übersättigt gewissermaßen. Darum picke ich nur noch die Schmankerl raus und lasse klanghafte Namen wie „Schwäbisches Kalbsvögerl“, „Lübecker Schwalbennester“, „Münsterländer Töttchen“, „Dippehas“, „Diebchen mit Duckefett“, „Pillekuchen“, „Hackus und Knieste“, „Potthucke“, „Kastenpickert“, „Kratzede“, „Berliner Luft“, „Errötendes Mädchen“, „Verschleiertes Bauernmädchen“, „Pfitzauf“, „Versoffene Jungfern“, „Scheiterhaufen“, „Auszogne“, „Prilleken“ und „Stutenkerl“ fallen und rate jedem, der jetzt total auf der Leitung steht, sich einfach einmal selbst durch das sehr umfangreiche Werk von Herrn Schuhbeck zu blättern und im Idealfall zu kochen. Nach der Lektüre dieses Buches ist man definitiv für alle kulinarischen Fragen, die es bei „Wer wird Millionär“ geben könnte, bestens gewappnet. Ich hätte zwar gerne mehr Bilder gehabt, weiß aber, dass das hier einfach nicht machbar ist. Als Standardwerk für jeden Haushalt sicher eine gute und sinnvolle Investition. Insbesondere, weil hier viele Gerichte bewahrt werden, die sonst in Vergessenheit geraten würden.

ANFÄNGERTAUGLICHKEIT: ☆☆☆ (teilweise ja, ist aber kein Einsteigerbuch)
ALLTAGSTAUGLICHKEIT: ☆☆☆☆ (ein bisschen zu umfangreich)
GESCHENKQUALITÄT: ☆☆☆☆ (für alle, die einen Überblick über Deutschlands Regionalküche suchen)
ORIGINALITÄT: ☆☆☆☆ (bei der Fülle der Rezepte und diesem riesigen Angebot gibt es für die fehlenden Bilder nur einen Punkt Abzug)

© ALLE BILDER: ZS Verlag/ Susie Eising/ Katrin Winner