Böser, böser Zucker!

Ein bisschen dogmatisch mutet ja auch schon der Titel „Zuckerfrei von Anfang an: Wie wir unsere Kinder ganz einfach ohne das süße Gift ernähren können ─ Für gesunde und ausgeglichene Kinder – Mit Rezepten“ an und ich vermute gleich mal, dass Autorin Marianne Falck kein Freund von Schokolade, Gummibärchen und Bonbons ist. 
Aber da auch ich Wert darauf lege, dass mein Kind möglichst lange ohne Zucker auskommt, bin ich natürlich extrem gespannt, was es zu dem Thema zu wissen gibt.

Erst einmal nimmt uns die gute Dame mit auf die Reise in die ehemalige DDR, in der sie aufgewachsen ist – quasi ohne Zucker – und erklärt, wie verführerisch das ganze Convenience-Essen auf einmal darauf war, als sie dann über die Grenze kam. Da es ihr aber so gar nicht bekam und sie mit Hautausschlägen und Erschöpfungszuständen in jungen Jahren reagierte, suchte sie die Ursache und fand dank eines kompetenten Arztes dann auch die Lösung: der böse, böse Zucker.
Das klingt jetzt ein wenig gemeiner als es klingen soll, denn wir wissen ja, dass zu viel Zucker einfach ungesund für den Organismus ist. Bei Frau Falck hat das Ganze dann aber schon regelrecht dogmatische Formen angenommen und so gibt es bei ihr zu Hause quasi nie Zucker. Höchstens mal Schokolade mit 95 % – na danke. Also da möchte ich ja nicht Kind sein. So in Maßen ist doch ein wenig süß schon ganz nett, finde ich. 
Auf alle Fälle holt die Autorin erst einmal richtig aus und fängt mit der Zuckerproblematik ganz von vorne an. Das kenne ich ja schon aus ein paar meiner „zuckerfrei“ Büchern, hatte ich hier aber so nicht erwartet, weil ich irgendwie den Nachwuchs und die Rezepte im Vordergrund gesehen hatte. Stattdessen klären wir, wie Zucker wirkt, warum er krank macht, warum er sogar im Verdacht steht, Krebs zu erzeugen und, wie er chemisch aufgebaut ist. Wer sich noch nicht damit beschäftigt hat, für den ist das auf alle Fälle eine gut und umfassende Einleitung zum Thema. Um dem Titel gerecht zu werden gibt es dann noch Tipps für werdende Mamas, die auch auf Zucker verzichten sollten und Hinweise zum Thema „Stillen“ und „Babymilch“. Dass sie sich hierbei für das Stillen ausspricht und einen langen Monolog über die Schwangerschaft und die ersten Tage mit dem neuen Familienmitglied führt, ist zwar nett, aber ich finde es ebenso wie den Hinweis, dass „jede Mama stillen kann“ hier komplett fehl am Platz, sorry. Das wirkt so, als habe sie sich von Seite 74-81 mal daran erinnert, dass sie ja eigentlich nicht das Thema „Zucker- die tickende Zeitbombe“ hatte. Und was ich noch viel unsympathischer finde, sind die „Mein Tipp“-Hinweise mit dem erhobenen Zeigefinger. Ist gut gemeint, nervt aber total.

Dann wenden wir uns der bösen Industrie zu, die unsere Kinder quasi verseucht. „Zucker ist der Alkohol der Kinder“ klingt schon ein wenig melodramatisch in meinen Ohren. Die Konzerne machen die Kinder krank, die Lobby arbeitet dafür und die Politik tut nichts dagegen. Und dann werden wir aufgefordert uns gegen den Zucker stark zu  machen: In der Kita, in der Schule usw. Ich habe das Gefühl, da will mich wer missionieren. Mir alles ein bisschen too much. 
Und weil Zucker ja nicht alleine Schuld an dicken und unglücklichen Kindern ist, werden auch gleich noch ein paar weitere Ernährungsmythen (Fett macht nicht Fett und  vegan ist nicht automatisch gesund) aufgeklärt. Und dann dreht sich halt doch wieder alles um Zucker. Dass es dafür hunderte von Verschleierungsnamen gibt, dass Nutella exrem böse ist und Capri Sun auch (war es wohlgemerkt auch schon zu meiner Kindheit als es noch Capri Sonne hieß), dass Softdrinks ebenfalls nicht empfehlenswert sind und so weiter. Nichts Neues, wenn man es auf den Punkt bringen will. Viele der Grafiken kenne ich in ähnlichen Variationen bereits, die Infos habe ich zum Großteil auch schon gelesen. Lediglich der Hinweis, dass in Kinderbrei zum Anrühren „ohne Zucker“ dieser in Molkenerzeugnis und Magermilchpulver steckt, war mir so nicht klar, was dazu geführt hat, dass ich bei meinen Vorräten einmal gründlich aussortiert habe. Dafür auf alle Fälle Danke!
Und dann folgen auf Seite 283 endlich mal Rezepte. „Haferflockenbrei“, „DIY Müsli“, „Joghurt mit Früchten“, „Avocadoaufstrich“, „Eier im Schinkennest“, „Schnelle Pizza mit Hefeteig“, „Polentasticks“, „Erbsenmischmasch“, „Tomatenketchup“, „Blitzschnelle Schokomousse“, „Chiapudding“, „Bananenbrot“ und „Schoko-Kokos-Bällchen“. Ja, das ist soweit alles ganz okay und nett, aber auch hier sind mir die meisten Tricks und Kniffe bereits bekannt. Sei es aus den „Low Carb“ oder „Keto“ oder sonstigen Büchern. Man ersetzt den Zucker durch Öle und Fette, weil die vermutlich deutlich gesünder sind. In sofern sind das jetzt nicht unbedingt Rezepte speziell für Kinder, sondern generell zuckerreduzierte Rezepte, die man aber halt problemlos auch Kindern servieren kann. 
Mein Fazit? Enttäuschend. Irgendwie hatte ich gerade im Hinblick auf das „von Anfang an“ mit Rezepten für die ersten Breie und die Monate danach gerechnet und weniger für größere Kinder, denn das ist dann ja nicht mehr der Anfang, sondern meist der Zeitpunkt, wenn es schon fast zu spät ist, weil ich in Kita und Krippe deutlich weniger Einfluss habe. Die Infos, die es zum Thema Zucker gibt, sind sehr allgemein und mir einfach schon bekannt, viele gut gemeinte Infos zum Thema „Kindergesundheit“ hatte ich bereits von meinem Kinderarzt und der Hebamme, wo sie auch hingehören. Leider extrem überflüssig in meinen Augen. 

PS: Und dann habe ich fertig gemosert: Sich über die Aktion von Coca Cola und dem DFB zu beschweren, die 2016 mit „Hol dir das Team auf 24 Sammeldosen“ warben, weil „Fußballer Vertrauenpersonen seien“ und man aktiv Kinder zum Kauf der ungesunden Getränke auffordere, finde ich irgendwie sinnlos. Wenn meine Kinder Cola trinken und in irgendwelchen Fußballern Vertrauenspersonen sehen, dann habe ich doch gleich zwei Probleme, die deutlich schwerer wiegen, oder? Und wenn ich meine Kinder so erzogen habe, wie Frau Falck, dann sollte diese Aktion doch nicht mal ein minimales Interesse bei meinen Kindern erwecken.