Echtes Essen für mehr Glück

kellerNur, wenn wir uns selbst hinter den Herd stellen und uns wieder bewusst mit dem auseinandersetzen, was wir essen, können wir wieder die Kontrolle über unsere Ernährung gewinnen. Deswegen fordert Ex-Sternekoch Franz Keller (Westend Verlag): „Ab in die Küche!“.
Einem, der sich freiwillig aus der Sterne-Gastronomie verabschiedet hat, um beim Kochen das Augenmerk auf das zu legen, was ihm persönlich ist nämlich Regionalität, biologischer Anbau und artgerechte Haltung, schenke ich doch gerne meine Aufmerksamkeit.

Hier ist nämlich klar, dass der Autor es nicht nötig hat, sich zu profilieren oder irgendwen zu beeindrucken. Wer so viel erreicht hat, wie er und freiwillig quasi einen Schritt zurück macht, den halte ich persönlich für glaubwürdig und echt. Da steckt keine Lobby dahinter, der er sich beugt, da redet einer Klartext, der sich mit der Materie auskennt. Und das tut er fundiert, unterhaltsam und mit zahlreichen Daten und Fakten gespickt. Von der eigenen Kindheit und dem Stellenwert der Küche berichtet Keller ebenso wie vom Treffen Merkels mit Putin in seinem Haus.
Schockierend und pervers finde ich die Vorstellung, dass Deutschland 632,8 Millionen Hühnchenfleisch pro Jahr produziert. Auch die Infos zu „Fake food“, „Agrarsubventionen“ und „Superfoods“ stimmen traurig. Klar, billiges Fleisch kann nur darum so angeboten werden, weil die Tiere gnadenlos ausgebeutet werden. Billiges Fleisch enthält wiederum oftmals aber auch kaum Nährstoffe, weil die Tiere ja auch nur mit billigem „Futter“ vollgestopft worden sind. Doch statt den Bauern zu unterstützen und auf Bio zu setzen, verzichten die Deutschen lieber, essen weniger Fleisch, dafür aber immer noch Günstiges und wählen zusätzlich ebenso ungesunde Ersatzprodukte. Und so wird der Deutsche immer dicker. Könnte aber auch am Zucker liegen, denn laut Statistik essen und trinken wir jährlich 35 Kilo Zucker. Das entspricht 24 Teelöffeln pro Tag – oh weh. Das alles weiß man zwar so irgendwie, aber so zusammengefasst und auf den Punkt, sind das alles erschreckende Zahlen und Hintergrundinformationen.
Gerade darum wirbt Keller dafür, dass wir dem Essen wieder mehr Bedeutung beimessen und es nicht als nebensächliche Pflicht empfinden. Essen ist Genuss und sollte bewusst geschehen. Damit die ersten Schritte in die eigene Küche ein wenig leichter fallen, liefert er uns neben all den Hintergründen noch praktische Listen mit Utensilien, die eine gut sortierte Küche braucht sowie klassische Rezepte, die man kennen und können sollte. „Gemüsebrühe“, „Fleischfond“, „Tomatensugo mit Basilikum und Pinienkernen“, „Kartoffelrösti mit griechischem Joghurt und Seeteufel“, „Kartoffelsalat“, „Gratinierter Blumenkohl mit Kartoffelpüree“, „Leichtes Rührei  mit frischem Kerbel und Kurkuma-Karottengemüse“, „Gebackene Banane mit dunkler Schokolade“, „Pot au Feu“, „Kalter Gemüsesalat“, „Flädlesuppe“ und „Bratkartoffeln mit Fleischsalat“. Die letzten vier Rezepte stammen aus der Rubrik der „Resteverwertung“, denn Keller ist strikt dagegen, etwas wegzuwerfen. Besonders wichtig für ein gutes Essen, ist oftmals eine gelungene Soße und so widmet er dieser gar einen ganzen Abschnitt.
Was wir sehen? Dass gutes Essen gute Grundzutaten braucht, eine gewisse Planung und ein Grundwissen um die Zubereitung. Exotische Produkte und Fleisch braucht es hingegen nicht. Und bevor er uns dann endgültig in die Küche schickt, blickt er noch einmal zurück, auf das, was bei ihm früher „schief“ lief und auf das, was aktuell in der Gesellschaft ernährungstechnisch falsch läuft. Hoffen wir, dass Kellers Weckruf den ein oder anderen bekehrt.