Ein kulinarischer Krimi, der keiner ist

versuch.jpgWer auf der Suche nach einem richtigen Krimi oder Thriller ist, der wird mit „Versuchung: Kriminalroman“ von Florian Harms (Benevento Verlag) nicht zufrieden sein, denn auch, wenn das Cover es verspricht, irgendwie passt diese Bezeichnung nicht so richtig. Trotzdem sollte man dem Buch eine Chance geben, wenn der Plot und die einzelnen Erzählstränge sind wirklich abwechslungsreich, gut durchdacht und sehr ansprechend. Wer sich für Nahurngsmittel, Genuss und Kultur interessiert, dürfte hier also trotz „falscher Versprechungen“ voll auf seine Kosten kommen.
Im Zentrum des Geschehens steht ein bis dato noch unbekannter sechster Geschmack, der scheinbar zufällig von einem Wissenschaftler gefunden wurde. Dieser ist seit einem Flugzeugabsturz allerdings spurlos verschwunden. Neben seinem Sohn August ist auch ein Züricher Lebensmittelkonzern daran interessiert, ihn zu finden. Während August sich selbst in den Flieger setzt, der ebenfalls unterwegs abstürzt (er überlebt als einziger Passagier) und sich auf den Weg in die „Rote Stadt“ macht, heuern die Schweizer einen Privatermittler namens Calander an, der sich für sie auf die Suche nach dem Vermissten machen soll.
Ein bisschen dauert es bis man sich in die Geschichte einfindet, da zu Anfang scheinbar mit jedem Kapitel eine neue Figur eingeführt wird, aus deren Sicht berichtet wird. Sobald sich aber herauskristallisiert hat, dass es im Wesentlichen um die Geschichten von August und Calander geht, liest es sich deutlich einfacher. Während man bei August zumindest ein bisschen was über ihn als Person erfährt, bleibt Calander lange Zeit sehr blass. Aber im Grunde genommen geht es hier auch gar nicht so sehr um die Personen, sondern vielmehr um Sinneseindrücke, Geschmäcker, Aromen und Wahrnehmungen.  Diese werden in aller Prächtigkeit und Vielfalt geschildert, fast kann man die Gerichte, die hier auf den Teller kommen, nachschmecken, die Gerüche des Marktes riechen und die Farben erleben. Wer sich für alles rund um Kulinarik und kulinarische Ästhetik begeistern kann und auch gern das ein oder andere aus diesem Gebiet dazulernen möchte, den dürfte das Buch richtig glücklich machen. Während August zudem bei seiner Reise durch Marokko, Tunesien, Libyen und Syrien auf viele hilfsbereite Menschen trifft, die ihn in die Kulturen und Gepflogenheiten ihrer Länder einführen, finden wir bei Calanders Reise und seinen Recherchen eher Exkurse biologischer Natur. In einem dritten Strang wird eine weitere Handlungsebene eingeführt, die jedoch erst später einsetzt und nur in kurzen Kapiteln aus Sicht der „Bewahrer“ berichtet – klingt komplex, bunt und ein wenig mystisch und ist es auch durchaus. Auf alle Fälle kein alltäglicher Roman, aber ein guter. Gut recherchiert, gut erzählt und für mich eine höchst spannende Neuentdeckung.