Ein Mann, ein Rad und viele Gedanken

juliWir schreiben den 01.01, also „Neujahr“ (Juli Zeh) und Henning sitzt auf einem Leihfahrrad, mit dem er versucht den steilen Aufstieg auf Lanzarote nach Femés zu schaffen. Das Rad ist nicht optimal, er nicht ganz fit und ein böser Wind eigentlich sein härtester Gegner. Eigentlich, denn ES fährt ebenfalls mit. Da er ES nicht zu Hause zurücklassen kann, ES nicht abzuschütteln vermag und ES so gerne los wäre, ist ES in diesem Moment sein größter Antrieb.

Während er das vergangene Silvesterfest Revue passieren lässt, bei dem seine Frau hemmungslos mit einem Franzosen geflirtet hat, und eine Bilanz seines bisherigen Lebens zieht, erkennt er, dass es ihm rein objektiv betrachtet sehr gut geht. Er hat einen Job, den er mag, eine attraktive Frau, die er liebt und zwei kleine Kinder, die zwar anstrengend sind, die er aber ebenso innig liebt. Subjektiv betrachtet, geht es ihm allerdings so gar nicht gut, denn ES macht ihm das Leben schwer. Seit der Geburt seiner jüngeren Tochter kämpft er gegen eine innere Panik und die Angst vor den Ausbrüchen, die zunehmend schlimmer wird. Was genau ihn so belastet, kann er nicht genau sagen. Als er völlig entkräftet und kurz vorm Kollaps stehend den Aufstieg bewältigt hat, kommt ihm dort oben auf einmal alles sehr bekannt vor, aber warum? War er schon einmal hier? Wenn ja, wann und mit wem und warum weiß er von dieser Episode seines Lebens nichts mehr?

Nachdem sich der Anfang recht zäh gestaltet und ich als Leser ziemlich gut den langwierigen und mühsamen Weg nach oben (ich bete tatsächlich auch, dass Henning endlich oben ankommt, damit endlich was passiert) nachvollziehen kann, liest sich alles ab der Ankunft oben in rasantem Tempo. Man spürt, wie man sich langsam dem dramatischen Höhepunkt nähert, ist gespannt, und – zumindest mir ging es so – liest irgendwie immer ein bisschen schneller, um endlich die Auflösung zu haben. Danach ging mir das Ganze noch eine lange Zeit im Kopf rum. Einige Fragen sind offen, aber die grundsätzlichen Punkte sind geklärt und ich hatte zwei spannende Abende. Länger hat das kurze Büchlein leider nicht gehalten.