Low statt no? Ist „carb“ nicht böse?

carb.jpgEs gibt ja kaum einen Monat in dem nicht wieder irgendein Lebensmittel oder ein bestimmter Bestandteil davon als neue Wunderwaffe auserkoren oder verteufelt wird. Mal ist das Fett böse, dann wiederum als Kokosfett total gesund, dann ist Chia ein Superfood, Wochen später ungesund und ob die Wampe nun vom Weizen, vom Zucker, vom Gluten oder von der Kohlenhydrate kommt – ganz ehrlich, da blickt man doch nicht mehr durch. Galt es bislang als recht sicher, dass „low carb“ prinzipiell nie verkehrt ist, so behauptet Marion Grillparzer (Heyne Verlag) nun „Cleverer als No Carb: Die Carb-100-Formel“ …
Gemeint ist hiermit, dass es 100 Lebensmittel gibt, die man in bestimmten Mengen und Zusammensetzungen essen soll, ohne auf Kohlenhydrate zu verzichten, und dabei trotzdem abnimmt. Vorausgesetzt, man nimmt nicht mehr als 100 carbs pro Tag zu sich. Vier Wochen lang darf man also maximal 150 Gramm Kohlenhydrate pro Tag essen und muss sich weder diese, noch Fette verkneifen. Klingt zu gut, um zu funktionieren, oder?
Weil es sich aber auch hier wieder um ein ganzheitliches Konzept handelt, gibt es natürlich nicht nur Rezepte, sondern vor allem jede Menge Infos. Erklärungen zum GLYX-Index, eine Liste mit 5-Carbs-erlaubt (Süßkram), Infos zur gesunden Darmflora und bösen Darmpilzen, Listen mit Ballaststoffen und Superfoods sowie Tipps und Tricks zum Umgang mit Fetten. Wir lernen, welche Lebensmittel Heißhunger auslösen und warum, erfahren, welche „no-gos“ es doch gibt, wie wir den Hunger überlisten, warum Eiweiß gesund ist und worin besonders viel davon steckt. Und weil ja ohne Sport nichts läuft, gibt es auch hierzu allerhand Informationen wie wir Muskeln auf- und Stress abbauen. Hierzu gibt es dann die „Carb-100-Bewegungsformel“, nach der wir uns unser tägliche Bewegungspensum zusammenbasteln können. Ein paar geeignete Übungen und Anleitungen gibt es selbstverständlich auch.
Und dann geht es endlich zur „Carb-100-Lebensmittel-Liste“, die uns von „Amaranth“ bis „Zwiebel“ führt und immerhin „Brot“, „Butter“, „Milch“ und „Olivenöl“ enthält. Der Rest sind Nüsse, Saaten, Hülsenfrüchte, Obst und Gemüse … ein bisschen unsexy, aber immerhin wird man damit satt.
Warum diese Lebensmittel gut sind, bekommen wir natürlich ebenso erläutert wie die Liste der zusätzlichen Lebensmittel, die wir konsumieren dürfen, da sie generell so „low carb“ sind, dass sie nicht ins Gewicht fallen (Ei, Geflügel, Fleisch, Fisch, Joghurt, Avocado, Nüsse… Weißwein – ernsthaft?! Cool!). Da ich ja eh keine Nudeln esse, ist für mich hier eigentlich alles dabei, was ich so brauche. Und damit wir diese Produkte nicht roh verzehren müssen, folgen „Survival-Rezepte“ wie „Eißweißbrot mit Chiasamen“, „Carb-100-Granolata“,“Magische Kohlsuppe“, „Kimchi“, „Quinoa-Porridge“, „Beeren-Energy-Drink“, „Apfel-Grünkohl-Smoothie“, „Avocado-Beeren-Salat“, „Apfel-Walnuss-Rohkost“, „Hüttenkäse-Taler mit Avocado-Paprika-Salsa“, „Mariniertes Ofengemüse mit Feta-Hummus“, „Kokos-Currysuppe mit Mango-Tofu“, „Hähnchen-Burger mit Kohlrabe“, „Spargel-Schinken-Frittata“, „Linsensalat mit Fenchel und Makrele“, „Mangold-Wrap mit Räucherlachs“, „Zucchinispaghetti mit Feta“, „Senf-Lupinenfilet auf Gurkengemüse“, „Pure-Pizza aus Blumenkohl“, „Orientalische Hackfleischpfanne mit Joghurt“, „Sesam-Forelle vom Blech mit Spitzkohlsalat“ …. also ganz ehrlich … ich fühle mich hier in etwa so beschnitten wie bei veganer Kost. Auch hier machen mich die Rezepte so null an – was auch daran liegen könnte, dass es keine Bilder gibt – dass ich von vornherein keine Lust habe. Andauern ersetzt man hier irgendwas durch eine Komponente, die einem vorgaukeln soll, es wäre das richtige Produkt. Der Pizzaboden ist Blumenkohl, das Burgerbrötchen ersetze ich durch zwei Scheiben Kohlrabi, die ich kurz anbrate und den Wrap wickel ich einfach in ein Mangoldblatt… nee, das ist ja wirklich wie bei den Veganern. ich erinnere mich nur an das „wir legen einfach eine gekochte Karotte als Ersatz für die Bockwurst ins Brötchen und schon haben wir einen Hot Dog“ – NEIN, haben wir nicht. Und wenn ich kein Brötchen und keinen Teig essen darf, dann kann ich dafür nicht einfach ein Gemüseblatt nehmen.
Da, wo die Mahlzeit aus Gemüse und Fleisch besteht, funktioniert das Konzept super, weil es ja eh kein „carb“ enthält, beim Rest halt nicht. Und wenn mein Nachtisch dann „Süßkartoffel-Toast mit Himbeere“ heißt, dann ergreife ich doch gleich die Flucht. Alternativ dazu gibt es nur Quark. Immerhin mit Früchten. Und dann noch wertvolle Tipps, dass man im Restaurant einfach die „carb“-Beilage weglassen soll, sich statt Pommes Gemüse dazubestellen soll, Salat selbst anmachen, Brot liegen lassen, Softdrinks meiden… hallo – ist das jetzt etwa neu?
Hmmm… also den ersten Teil des Buches finde ich gut, die Ansage, dass man nicht verzichten muss, ebenso. Wenn ich dann allerdings die Rezepte sehe und die Zusatztipps lese, fühle ich mich etwas verschaukelt. Das ist dann nämlich im Endeffekt doch mehr „no carb“ als „low carb“.