Mythen über Öko, Bio und mehr

leckerDass es nahezu unmöglich ist, sich im aktuellen Ernährungsdschungel zurecht zu finden, habe ich ja bereits mehrfach beklagt. Was ist denn nun wirklich gesund? Was ist das beste für die Gesundheit, was für die Umwelt und wie schlecht sind Fleisch und Fisch nun tatsächlich? Genau mit diesen Fragen setzt sich „Leckerland ist abgebrannt . Ernährungslügen und der rasante Wandel der Esskultur“ von Manfred Kriener (Hirzel Verlag) auseinander.
Zuerst dreht sich alles um die Rolle des Handys beim Essen, das in Zeit von „Foodporn“ und „Foodfotografie“ eine immer größer Bedeutung einnimmt, wobei der Mensch selbst trotz zahlreicher Kochsendungen immer weniger selbst kocht. Take-away und to-go sind leider ebenso begehrt wie Convenience Food, die Werbung verdirbt die Menschen und überhaupt lässt sich die Menschheit ja von allen Unverträglichkeits-Trends anstecken und plötzlich konsumiert jeder glutenfrei und lactosefrei, obwohl er keinen Grund hat. Die Inhalte konkret zusammenzufassen ist etwas schwer, weil es so viele Ansätze sind, aber kein stringenter Gedanke und alles auch nicht wirklich neu ist. 
Vegan ist und bleibt im Trend, der Durchschnittskonsument tendiert aber eher dazu, Flexitarier zu sein und statt Biofleisch zu konsumieren, eher teils gänzlich verzichtet. Neue Fleischalternativen wie Fleisch aus dem Labor und Insekten werden ebenso näher beleuchtet wie die gar nicht so geringen Schwachstellen der Bio-Landwirtschaft. Der Punkt ist dann auch für mich tatsächlich neu und, dass es den Tieren in ökologischer Haltung nicht besser geht als denen in konventioneller, finde ich schockierend. Dass Bio-Großfirmen und die Einbindung von Bioprodukten in die Sortimentslinien von Discountern deren Glaubwürdigkeit und Image nicht fördern, ist leider ebenfalls problematisch. Und wenn sich dann die Anbieter von Bio-Produkten einen Preiskampf liefern, schädigt das vor allem einen: den Bauern. Wie ist also Bio so umsetzbar, dass es den Bauern, den Tieren und der Umwelt gut geht, der Konsument es sich leisten kann – die Lösung dieser zentralen Fragestellungen kann auch der Autor nicht liefern. 
Und auch beim Fisch sieht es kein Stück besser aus: überfischte Meere, ungesunde Aquakulturen  usw. 

Und um ein Thema kommt bei „Ernährung“ ja gar nicht rum: Zucker. Dass der böse ist, haben wir glaub mittlerweile alle verstanden und auch ich habe hier ja diverse Bücher vorgestellt, die sich genau mit dieser Problematik befassen. Dass Zucker und Kohlenhydrate die wahren Übeltäter sind und gar nicht primär das Fett, dass man von Zucker abhängig werden kann und wir uns oft nicht bewusst sind, wo denn überhaupt Zucker versteckt ist und vor allem wie viel. Nichts, was ich nicht schon mal gehört oder gelesen hätte.
Auch das, was Kriener zum Thema „Superfood“ zusammenträgt, ist mir alles bekannt. Dass es hier um möglichst ausgefallene und teure Produkte geht, die man gar nicht benötigt und deren Inhalt- und Wirkstoffe oftmals in vielen heimischen Produkten ebenso zu finden sind – nur, dass man die nicht so marketingtechnisch aufbauscht. Interessant finde ich hier, dass viele der exotischen Superfoods gestreckt werden und man oftmals gar nicht das kauft, was draufsteht. Angeblich könne zum Beispiel die Menge an Chia, die weltweit verkauft wurde, gar nicht hergestellt worden sein. Oha – wie gut, dass ich das Zeug eh nicht kaufe, sondern klassisch bei Leinsamen geblieben bin.
Und dann gibt es noch ein abschließendes Kapitel zu „Wein“, in dem der Autor uns in die Welt der Reben einführt, daran erinnert, dass Wein früher gar als Gesundheitselexier galt, man in Deutschland einige Jahrezehnte gebraucht hat, um Qualität zu erzeugen und langsam experimentierfreudiger werde (Orange Wine/ Naturwein) und so weiter. Daneben erörtert er verschiedene Weinbauregionen und die Problematiken mit dem Klimawandel, mit welchem die Winzer zu kämpfen haben, neuen Schädlingen … äh. Das ist ja nett, aber erstens weiß ich das als Weinliebhaber alles und andererseits hab ich das Gefühl, dass der gute Mann hier völlig den Faden verliert. Ein Ritt durch die Geschichte des deutschen Weinbaus passt hier schlicht nicht rein.
Dann wird über die überbewerteten und unbezahlbaren Weine des Bordeaux hergezogen, ausufernde Weinbeschreibungen, die dem Konsumenten angeblich gar nichts bringen, heuchlerische Punkte und miese Schnäppchen. Was dieses Kapitel soll, verstehe ich so gar nicht. Offensichtlich ist der Mann ein Weinfreund, weswegen er immer schon mal sein Weinwissen rauslassen wollte, der sich aber häufiger über schlechte Empfehlungen und teure Preise geärgert hat, weswegen er mal kräftig vom Leder zieht. Anders kann ich mir dieses extrem unnütze und sinnlose kapitel nicht erklären.
Zum Schluss gibt es dann noch ein Interview mit dem NGO-Aktivisten Benedikt Härlin sowie den Epilog des Autors, in dem er sein Buch als Lektüre empfiehlt, aber nicht als Ratgeber, da er keine Tipps zur richtigen Ernährung vermitteln möchte, sondern auf Misstände, Widersprüche und Lobbyarbeit aufmerksam machen will. Nun ja.
Immerhin einen guten Rat gibt er den Lesern mit auf den Weg: „Kochen Sie selbst. […] Wer selbst einkauft und kocht, der weiß nicht nur, was er isst. Der macht sich allmählich auch lebensmittelschlau (…)“. Ob man für diese Erkenntnis nun dieses Buch braucht. Ich definitiv nicht.